Brautmode

Von wegen "Kalte Schulter!"

Mag schon sein, dass nicht jede Braut ein Kleid mit Rückendekolleté bis fast hinunter zum Po tragen kann oder sich zu tragen traut. Aber, so erfuhren wir, als wir in den Schweizer Brautmodengeschäften nachfragten, es gibt mehr Frauen, die in einem solchen, etwas gewagteren Kleid phantastisch aussehen, als die Frauen selbst glauben. Vor dem grossen Tag traut sich manche Braut dann oft doch nicht, gar so viel von ihrer Schönheit zu zeigen. In den Fachgeschäften wird das hier und da durchaus bedauert und wünscht man sich manchmal ein wenig mehr Modemut.
Aber es stimmt natürlich: Wer so viel Haut zeigt, muss sich schon ausgesprochen wohl in derselben fühlen und mit seiner Figur sehr zufrieden sein. Aber wer ist mit seinen Körperformen schon wunschlos glücklich? Jede Frau kennt doch Körperpartien an sich, die ihr nicht gefallen oder von denen sie glaubt, dass sie »nicht ganz ideal« sind.
Vielleicht aber sollte man die so genannte »Idealfigur« mal ein bisschen von ihrem Sockel holen und mit etwas mehr Selbstbewusstsein zu sich und seinem Körper stehen. Und vielleicht trägt dazu die aktuelle Brautmode ja sogar bei, wenn sie mit ihrem Trend zu Rücken, die entzücken, und zum Spiel mit Transparenzen verführerisch schöne Kleider entworfen hat, die zu tragen sicher der Traum einer jeden Braut ist. Zumal nicht alle Modelle sich hinten so offenherzig zeigen wie dieses. Es existieren die verschiedensten Spielarten, wie die schöne Rückseite einer Braut in Szene gesetzt werden kann. Da gibt zum Beispiel hauchzarter Tüll den Blick eben nicht ganz frei oder verspielte Spitze umrahmt nackte Hautpartien in Herzform. Perlenschnüre auf Tüll ziehen den Blick auf sich, unter denen die Haut nur leicht hervorscheint, oder zarte Boleros bedecken die Schultern. Und so wird, was der einen oder anderen Braut vielleicht doch einen Tick zu sexy für diesen Tag ist, komplett mit dem Zauber der Romantik überzogen – und bleibt doch sexy, lässt der Feminität und der erotischen Ausstrahlung ihren Raum, ohne unpassend zu wirken.
Diese Kleider sind ein Plädoyer für mehr Mut zu selbstbewusster Weiblichkeit.



1 von 5

WIEVIEL HAUT WOLLEN WIR ZEIGEN?


Zur Mode gehörte immer schon das Spiel zwischen Verhüllen und Enthüllen, zwischen Verbergen, Andeuten und Zeigen. Und je mehr Haut sie zeigt, desto »gewagter« kommt sie uns vor, desto grösser ist aber auch der Wow-Effekt. Die Designer fast aller Brautmodenlabels haben sich in dieser Saison dafür entschieden, etwas zu wagen, und Modelle kreiert, die am Rücken teilweise sehr viel Haut zeigen. Und die Reaktion der Bräute, so sagen uns die Fachgeschäfte, ist tatsächlich ein eindeutiges »Wow!« »Die Rückendekolletés«, so Claudia Weiss von La Passion, »werden sehr positiv aufgenommen. Fast alle Bräute finden diese Kleider exquisit und extravagant. Aber nur eine bestimmte Zielgruppe entscheidet sich dann tatsächlich dafür, ein solches Kleid zu tragen.« Tatsächlich ist es ja für alle, die im »normalen Leben« nur selten einmal überhaupt in eine solch festliche Robe schlüpfen, wie sie jedes Brautkleid darstellt, noch einmal ein weiterer Schritt, sich für einen solch speziellen Schnitt zu entscheiden. An einem Tag, an dem sowieso schon die Augen aller auf einem ruhen, die Blicke noch zusätzlich auf sich zu ziehen, indem man so viel Haut zeigt, dazu braucht es ein bisschen Selbstvertrauen oder sogar richtigen Modemut. Was deshalb sehr gefragt ist, so Monja Blatter von Chez Janine, sind Rücken, die aus Spitze oder Tüll gefertigt sind. »Das ist verspielt, speziell und sexy – aber man ist dennoch nicht ‚nackt‘. In Kleidern mit solchen Rückenlösungen fühlt Braut sich einfach ‚angezogener‘, besonders in der Kirche.«


Kleid im Bild gesehen bei Chez Janine, Bubikon

2 von 5

KANN JEDE BRAUT DAS TRAGEN?


Es ist nun einmal so: Nicht jede Frau hat Modelmasse. Und so sehr und zu Recht man darüber streiten mag, ob es richtig ist, sich an so etwas wie einer Idealfigur zu orientieren, so sehr man darauf hinweisen muss, dass es sich dabei eben um ein »Ideal« handelt und es in der Natur der Sache liegt, dass man dieses in der Wirklichkeit nie ganz erreichen kann, so hilft das alles nichts dagegen, dass wir alle dieses Ideal nicht aus unseren Köpfen bekommen. Und ausgerechnet am grossen Tag mit einem Kleid, das sehr viel von uns zeigt und das in der Regel auch noch sehr figurbetont geschnitten ist, darauf »hinzuweisen«, dass man hier und da mit einem kleinen Speckröllchen oder einer winzigen Hautunreinheit vom Ideal abweicht, das möchte man dann doch nicht so gerne. Hinzu kommt, dass »hinten frei« auch »vorne ohne« bedeutet, dass man also zu einem rückenfreien Kleid keinen BH tragen kann. Denn auch auf den möchten viele Bräute nicht verzichten. Auf unsere Frage, ob jede Braut diese aktuelle Trendmode tragen kann, antwortete denn auch zum Beispiel Monja Blatter: »Nein, leider nicht wirklich. Eine Braut, die ein solches Kleid trägt, sollte mit ihrem Rücken rundum zufrieden sein, um ihn auf diese Weise zu präsentieren. Es gilt auch zu bedenken, dass der Halt bei diesen Modellen nicht so gut ist wie bei einem Korsagenkleid und deshalb die Proportionen generell stimmen sollten, damit es hält.« Und Priska Louis von Priska in Aarau sagt, worauf es letztlich ankommt: »Die Braut soll sich in ihrem Kleid wohlfühlen. Ein gewagtes Rückendekolleté zu wählen, vielleicht nur weil der Partner es sexy findet, in dem man sich aber unwohl fühlt, das lohnt sich nicht.«


Kleid im Bild gesehen bei Chez Janine, Bubikon

3 von 5

WAS TRAUEN WIR UNS?


Es ist nicht einfach zu sagen, ob die aktuelle Brautmode sich deshalb mehr traut, weil »die angehenden Bräute mutiger geworden sind«, wie Claudia Weiss von La Passion feststellt, oder ob Braut sich mehr traut, »weil ihr in den letzten Jahren innovativere, kreativere und die weiblichen Attribute mehr betonende Brautmode angeboten wird.« Vermutlich ist es Ersteres. Auch Monja Blatter stellt fest: »Heute ist wieder mehr Spitze gefragt, was automatisch mit sich bringt, dass die Bräute wieder figurbetontere Modelle tragen, da Spitzenkleider meist eher schmal geschnitten sind. Auch werden an diesen Modellen, weil es so gut zu ihnen passt, sehr oft verschiedenste Transparenzen, zum Beispiel eben am Rücken, verwirklicht, was natürlich sehr sexy wirkt.«
Auf der anderen Seite stellt zum Beispiel
Andrea Jaggi vom Brautparadies fest: »Oft fehlt den Bräuten der Mut, sich für figurbetonte Modelle zu entscheiden, obwohl es ihre Figur eigentlich zulassen würde,« was sie sehr schade findet. Ähnlich sieht es Aleksandra Krawczyk von Liluca: »Die Bräute getrauen sich noch viel zu wenig. Oft bleibt dann doch das Klassische der Favorit.«
Da schwingt durchaus ehrliches Bedauern mit von Menschen, deren Leidenschaft kreative Brautmode ist und die in ihren Fachgeschäften immer wieder erleben, dass eine Braut richtig toll in einem dieser besonderen Kleider aussieht  – und sich dann doch für etwas »weniger Gewagtes« entscheidet.
Aber, wie Priska Louis sagt: »Am Hochzeitstag trägt jede Braut ihr Traumkleid.« Und das ist das, in dem sie sich rundum wohlfühlt, zu dem ihr Bauchgefühl »Ja« sagt.


Kleid im Bild gesehen im Brautparadies, Thun

4 von 5

UND IN DER KIRCHE?


Sexy vorm Altar? Das gehört sich irgendwie nicht, denkt sicher manche Braut, die sich ansonsten furchtbar gern in einem Kleid zeigen würde, das ihre Weiblichkeit betont. Doch das braucht kein Grund zu sein, sich gegen ein solches Modell zu entscheiden. Denn für diesen Fall weiss man in den Fachgeschäften natürlich Rat. So weist zum Beispiel Andrea Jaggi vom Brautparadies auf die Möglichkeit hin, eine Korsage mit Transparenzen in der Kirche mit einer Unterfütterung zu tragen, die sich später dann entfernen lässt. Ein tiefes Rückendekolleté, so Priska Louis, lässt sich zum Beispiel mit einem langen Schal »entschärfen«. Andere Möglichkeiten sind Boleros, Stolen oder längere Schleier. »Essentiell sei dabei aber«, so Claudia Weiss von La Passion, »dass ein solches Accessoire stimmig zum Gesamtoutfit passt. Niemals sollte ein so genutztes Teil das Brautkleid optisch abwerten, sondern es muss der Farbe und dem Stil treu bleiben.«


Kleid im Bild gesehen bei Liluca,Zürich, Bern, St. Gallen, Lausanne

5 von 5

SPITZE UND TRANSPARENZEN


Neben einem freien Rücken sind Spitzen und Transparenzen am Dekolleté, am Ärmel oder eben auch am Rücken ein grosses Thema in den aktuellen Kollektionen. Und sie sind sehr beliebt, können sie doch »von ziemlich allen Bräuten getragen werden, ganz gleich mit welcher Figur«, wie Monja Blatter von Chez Janine betont. »Und sie sind romantisch und feminin zugleich.« Laut Claudia Weiss von La Passion »liegen auch zarte Spitzenjäckchen oder Boleros, die aus feinstem Tüll und filigranen Spitzenmustern gearbeitet sind, im Trend. Denn sie passen perfekt zum Gesamtbild der Braut und können während des Hochzeitstages situativ an- und abgezogen werden.« Priska Louis von Priska Hochzeits- und Festtagsmode betont: »Brautkleider aus Spitze, Organza und Taft, versehen mit zauberhaften Elementen wie Maschen, Ärmeln, Gürteln oder raffinierten Dekolletés, sind einfach wunderbare Hingucker.« Und Andrea Jaggi vom Brautparadies freut sich, »dass Spitze zwar ein bisschen gebraucht hat, bis sie in der Schweiz ankam, weil ihr hier noch lange der Ruf nachging, etwas Altbackenes aus Grossmutters Zeiten zu sein«, dafür aber jetzt endlich den ihr gebührenden Platz in den Herzen der Bräute gefunden habe.
Und tatsächlich sind diese Kleider, was ihre romantische Anmutung betrifft, kaum zu übertreffen und haben dabei gleichzeitig eine durchaus weibliche und erotische Ausstrahlung.


Kleid im Bild gesehen bei Priska in Aarau