Annis Welt (Teil 2)

Apropos "Trash your dress" ...

 

Es gibt Frauen, die lassen sich sogar im Spa nur widerwillig die Schlammpackung auflegen. Und es gibt Frauen, die springen doch tatsächlich mit dem Brautkleid in den größten Dreck. Mit dem Scheitern ihrer Ehe hat das nichts zu tun. Vielmehr mit der Suche nach fotografischer Erleuchtung und der Lust an einem Hochzeitsbild, das sich nicht jeder in den Rahmen packen kann. Das sagt Anni zu Trash the dress:

 

So - jetzt ist es raus: Ich bin ein Alien. Ein außerirdischer Freak vom Planeten »Romantikus« aus der fernen Galaxie »Sentimentalia« im Sternenbild der »Amoris«. Keine Ahnung, wie ich zu euch auf die Erde kam. Muss vor langer Zeit gewesen sein. Und niemand hat sich bislang an mir gestört. Ich habe unauffällig laut ja auch gelebt wie ihr. Wer hätte da schon ahnen sollen, dass sich unter meinem Deckmäntelchen des eins zu eins kopierten Lebensstyles eurer vorwärts strebenden Zivilisation diese tiefgehenden Empfindungsschluchten auftun, in denen sich mein weltfremder Sinn für Romantik, Sentimentalität und Liebe versteckt? Niemand - eben! Meine Tarnung war perfekt! Perfekt, bis zu meinem unfreiwilligen Outing in der letzten Ausgabe der HOCHZEIT. Ihr erinnert euch: die Sache mit dem eingeschweißten Brautkleid meiner Mum »Brautkleid einschweißen? Was’ das denn?«, hieß es. Ich sag’s euch: Das ist Aufbewahren von Gefühlen, Konservieren eines Augenblicks, Festhalten der Magie! Ok, ich weiß inzwischen, dass Plastik wohl von gestern ist: Es gibt Boxen, es gibt Hängehüllen, es gibt andere Abnehmer, es gibt die Mülltonne und es gibt »Trash the dress«.

»Das würde ich machen!« - O-Ton meiner besten Freundin Hanna zum Thema.

»Was bitte würdest du machen?«

»Na, mein Kleid trashen - lebst du auf dem Mond oder was?«

(Nein, wie eingangs erwähnt auf »Romantikus«, aber sei’s drum!)

»Trashen? Habe ich noch nie gehört ...«

»Ich sag’s ja: vom Mond!«

(Die Tatsache, dass ich zum schweigenden Grübeln neige, spricht vielleicht tatsächlich für meinen mondischen Ursprung: to trash (sth), [træ∫], engl., = etwas verwüsten, wegwerfen)

»Aber ich will nicht, dass mein Brautkleid hinübergeht!«, empöre ich mich.

»Sagt auch keiner. Du bestimmst doch selbst wie weit du gehst!«

»Wie weit für was?«

»Na, für das Fotoshooting! Du trägst dein Kleid nochmal und machst damit Dinge, die man in einem Brautkleid nicht unbedingt tun würde.«

Zumindest ‘nochmal tragen’ hört sich gut an. Ja, ‘nochmal tragen’ entspricht meinen romantischen Wurzeln. ‘Nochmal tragen’ könnte sogar eine Tradition unserer Spezies sein. Über Brautkleiderbälle habe ich ja schon (laut) nachgedacht, meinem Schatz dazu aber nur ein entnervtes und wenig Erfolg versprechendes »Vielleicht können wir ÜBERHAUPT erst mal heiraten ...« entlocken können. Ja, heiraten wir erst mal! Und danach trashe ich mein Kleid. Oder auch nicht. Mal sehen. Nur, wenn es aus der Sache wieder heil herauskommt. Denn ganz so unwörtlich wie Hanna es behauptet, ist »Trash the dress« nun auch wieder nicht zu nehmen. Sein Erfinder und Wortschöpfer, der amerikanische Fotograf John Michael Cooper, ließ für eine seiner Aufnahmen immerhin eine Braut im brennenden Kleid vor der Linse antanzen. Das machte ihn bekannt. Und das Brautkleid ohne Zweifel kaputt. Seine Idee zog gerade deshalb Kreise und viele seiner Kollegen (auch in Deutschland) in den Bann (einfach mal »trash the dress« googeln!). Seither schmeißen sich Bräute in den Schlamm, tauchen im Brautkleid unter Wasser und sprayen ohne Rücksicht auf Verluste Graffitis an die Wand. Alles, was dem »ordentlichen« Hochzeitsbild entgegenstrebt, alles, was unverkrampft, außergewöhnlich, zufällig und schmutzig, sowohl im eigentlichen als auch im Sinne von ‘sexy’, wirkt, kommt ins Bild.

»Würdest du dein Brautkleid wirklich in die Tonne kicken?«, frage ich Hanna.

»Nö.«

»Aber du findest trash the dress gut?«

»Klar.«

»Versteh ich nicht.«

»Man kann’s doch reinigen lassen. Und halt doch ein bisschen drauf aufpassen.«

Gut. Dann wäre das ja geklärt. Ehrlich gesagt, habe ich so die Ahnung, dass es eigentlich ganz viele meiner Sorte gibt. Irgendwo dort draußen. Perfekt getarnt. Wie Hanna. Weil äußerlich so weltgewandt und innerlich nicht anders als ich: Erdgestrandete vom Planeten der Romantik, die ihr Brautkleid vielleicht trashen, aber nie und nimmer verwüsten würden. Meldet euch!

 

Eure Anni