Annis Welt (Teil 15)

Auch im Planungsdunkel gibt es Licht!

 

Was einem Freude bringt, kann gar nicht schwierig sein. Und eine Hochzeit zu planen bringt doch riesig Spaß! Dummerweise aber auch noch Stress. Das wurde Anni schließlich klar, als es ans Eingemachte ging. Was also tun? Augen zu und durch oder doch lieber die machen lassen, die was davon verstehen? Annis Selbsterkenntnis:

 

Als der liebe Gott die Talente auf die Menschen verteilte, ging er offensichtlich recht grobflächig vor: Einmal mit der Gießkanne quer über den Erdball und jeder bekam ein anderes Tröpfchen aus dem »Besondere-Fähigkeiten-Cocktail« ab. Mich hat man mit grobmotorischem Können gesegnet. Drück mir einen Hammer in die Hand und der Nagel ist in Nullkommanix dort, wo er sein soll. Ich liebe Bohrmaschinen, Akkuschrauber und Fräsen. Aber ich hasse es, wenn ich für meinen ausgeprägten Gestaltungsdrang einen Plan lesen muss. Der Aufbau von Regalen sollte selbsterklärend sein. Ich will nicht wissen, dass ich Anfangsstück C über Verbindungsteil Z unter Zuhilfenahme von Metallstift W und Kantschlüssel A rechtsdrehend mit Endstück V zusammenbringen soll. Ich will sehen, verstehen, erledigen. Ohne Umwege und auf den ersten Blick. Meine Ignoranz gegenüber allem, was einen organisierten Ablauf haben sollte, hat mir so schon manches Mal frustrierende Erfahrungen eingebracht. Schließlich ist nicht alles so durchschaubar wie ein simples Regal. Manche Dinge sollten Schritt für Schritt angepackt werden, um am Ende ein vollständiges und gut funktionierendes Ganzes zu ergeben. Aber das weiß ich meist erst dann wieder, wenn ich vor dem gescheiterten Ergebnis eines Selbstversuchs stehe. Es ist wie es ist: Ich bin ein Planungschaot. Eine Organisationsniete. Ein Komplettausfall in Sachen systematisches Vorgehen. Und ich hätte es von vornherein wissen müssen, dass sich die Planung einer Hochzeit nicht aufgrund einer von Vorfreude getriebenen Eigendynamik wie von selbst ergibt, sondern dass sie eben nichts als buchstäbliche »Planung« ist. Harte Arbeit eben. Minutiöses Eventmanagement. Und damit nichts für mich. Aber das weiß ich erst seit einem Dienstag, der mein Telefon zur Planungshotline für Festverpeilte (also mich) erklärte.

 

»Hallo Anni! Möchtest du die Schleifen an den Stuhlhussen jetzt in Bordeaux, Flieder oder Rosé?«, fragt mich der Verleiher.

»In Bordeaux, war doch klar!«, sagte ich.

 

»Hallo Anni! Wir müssen uns jetzt wegen der Reservierung des Saals festlegen. Reicht dir wirklich der kleine?,« fragt der Schlossbesitzer.

»Auf jeden Fall, wir möchten doch Terrasse und Garten mitbenutzen«, sage ich.

Moment, mal. Der kleine hatte doch die blauen und silbernen Malereien an den Wänden ...

»Sorry, gibt’s die Schleifen für die Hussen auch in Blau oder Silber?«, frage ich beim Verleih nach. Gibt es. Ich entscheide mich für Silber.

 

»Hallo Anni! Die Zusammenstellung der Blumen bleibt bei Grün und Weiß als Farbgrundlage?«, fragt der Florist.

»Ach so. Ähm. Ja. Blumen in Silber gibt’s ja nicht oder?«, sage ich. Es bleibt also bei Grün und Weiß.

 

»Entschuldigung. Ich glaube, grüne Schleifen wären doch am besten«, korrigiere ich beim Hussenverleih. Aber was mache ich nur, wenn das Wetter nicht mitspielt. Ist die Terrasse eigentlich überdacht?

»Nein, Anni. Da müssten wir einen Baldachin aufstellen«, sagt das Schlosshotel. Ok. Baldachin ist gut. Oder doch nicht. Hält der überhaupt? Und wenn’s kühl wird?

»Es tut mir wirklich leid. Aber ich denke im großen Saal sind wir doch sicherer«, sage ich in einem erneuten Telefonat.

Geregelt! Der große Saal war sowieso viel schöner! Rosa Wände! Ups ... Die grünen Schleifen ...

»Ein allerletztes Mal: Bitte die Schleifen in Rosé«, hauche ich verschämt ins Telefon.

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

»Anni? Kann es sein, dass du nicht weißt, was du eigentlich willst?«. Klar weiß ich das. So grob zumindest. Alles soll halt schön sein. Und zusammenpassen. Was kann ich dafür, wenn der eine Saal in Blau und der andere in Rosa ist? Soll ich vielleicht alles um die Schleifen an einem Stuhl herum aufbauen? Die sind ja jetzt in Grün. Nein Silber. Blau? Ach ja: Rosé. Eigentlich wäre es ja auch ganz schön, wenn dann die Blumen diese Farbe hätten. Als ich etwas zittrig die Nummer meines Floristen wähle, kommt mir doch die unangenehme Selbsterkenntnis, dass ich manches besser organisieren hätte können.

»Hallo!«, sage ich leise. »Ich hätte da bei meinen Blumen doch noch einen anderen Wunsch. Könnten wir nicht Rosé als Basis nehmen? Das passt dann zum Saal und zu den Stuhlschleifen. Und dann hätte ich noch gerne die Nummer der Weddingplannerin, mit der Sie oft zusammenarbeiten.«

»Gerne!«, tönt es mir freundlich entgegen. Ich vermute mal, Wandgestaltung, Blumenfarben und Hussenschleifen erfordern noch die kleinste Planungskompetenz. Mehr brauche ich gar nicht zu wissen ...

 

Eure Anni