Annis Welt (Teil 11)

Eine ganze Welt in Rosa

 

Dort draußen gibt es eine Welt in Rosa. Tuffig, fluffig, wunderschön. Aber nur für die zu sehen, die die Augen dafür haben. Jemanden wie Anni. Der Ehrlichkeit wegen sei erwähnt, dass sie zunächst durch ein trist-verstaubtes Tal, fernab der glitzernden Paläste süßer Mädchenträume ging. Jetzt ist sie wieder angekommen: in ihrer rosa Welt.

 

Kein Mensch, der mich wirklich kennt, hätte es jemals für möglich gehalten, dass ich wieder in diese Phase verfalle. Ich selbst am allerwenigsten. Diese »Oh-wie-niedlich-süß-und-rosa-kitschig-muss-ich-unbedingt-jetzt-sofort-haben«-Phase. Eigentlich ist sie seit der sechsten Klasse vorbei. Seitdem mir dieser Junge namens »Basti«, in den ich heimlich doch so sehr verliebt war, auf dem Schulhof abfällig erklärte, wie »doof diese Zicken in ihren rosa Barbiekostümen« seien. Dann biss er herzhaft in sein Pausenbrot und ging. Während ich verschämt zu Boden sah. Hinunter auf den Asphalt, der meine Ballerinaschühchen mit den Blumenstickereien und kleinen Strasssteinchen in den Blütenkelchen wie auf einem Silbertablett präsentierte. Schuhe in Rosa. Barbieschuhe. Kitsch. Ich hätte ihm »Idiot« hinterherrufen sollen. Aber ich tat es nicht.

 

Stattdessen verschwanden nach und nach die hübschen Mädchensachen mit den putzigen Aufdrucken, all dem Glitzer, wippenden Rüschen und pastellig-bunten Farben aus meinem Kleiderschrank. Keine Comic-Prints. Keine Hello Kitty-Tasche. Kein Barbie-Getue. »Das ist was für den Kindergarten!«, erklärte ich meiner Mutter, die achselzuckend meinem Wunsch nach »was Erwachsenerem« nachkam. Fortan trug ich also nichts als Jeans in Blau und Schwarz, T-Shirt, Turnschuhe. Ich war der Coolste unter allen Jungs, auch wenn ich keiner war. Saucool einfach. Glitzerlos und rosafrei. Basti bekam ich trotzdem nicht. Und als ich ihn zwei Jahre später knutschend mit Miss Barbie höchstpersönlich in der Schulhofecke stehen sah, wurde ich allein schon deshalb zum Protestverweigerer gegenüber allem Mädelskram. Sollten andere doch die Prinzessin sein. Als Kleinstadtcowboy lebte sich’s ja schließlich auch nicht schlecht!

 

Und jetzt? Die ganze Welt ist rosarot! Tuffig und blumig und zuckerwattesüß. Bevölkert von knallig-bunten Schmetterlingen und beflügelten Herzen. Es duftet nach Vanille und Himbeere und Marzipan. Funkelt, glitzert und brilliert wie ein Meereshorizont in gleißender Sonne. Oder wie der Himmel in einer sternenklaren Nacht. Oder wie eine Handvoll Diamanten. Heile Kleine-Mädchen-Welt. Und ich bin mittendrin. Fassungslos darüber, dass ich trotz (oder vielleicht wegen?) meines absolut verklärten Blickes all das überhaupt noch sehen kann - und es zudem für wunderschön befinde! Rosa Just-Married-Schleifchen für die Autoantennen. Kleine Deko-Brautpaare für den Tisch. Serviettenringe aus samtig schillernden Perlen. Mandelsäckchen und Weddingbubbles. Girlanden und bedruckte Luftballons. Glitzerdiademe und Strassbroschen. Hochzeitstorten mit rosa Zuckerguss. Dreistöckig. Fünfstöckig. Siebenstöckig. Man kann von all dem gar nicht genug bekommen!

 

Und trotzdem weiß ich nicht, was es zu bedeuten hat. Ob sich mein »Zustand« als verbessert, verschlechtert, Ausnahme- oder überhaupt als solcher zu bezeichnen hat. Ich weiß nur, dass ich gerne wieder bei ihr angekommen bin - dieser Phase, die so herrlich duftet, die die Welt in schönsten Farben zeichnet und bei ihrem Anblick schon verzückte, beste Laune sprühen lässt. Und obwohl doch um mich alles Rosa ist - und echte Kerle etwas gegen Rosa haben - scheint dem Mann an meiner Seite diese meinerseits gerade neu erschaffene Bubblegum-Welt, in der tagtäglich bunte Luftballone einem strahlend blauen Himmel entgegenfliegen, weniger zu schrecken als mich selbst. Wohlwollend betrachtet er ein  Weddinghighlight nach dem anderen, blickt großzügig über Grenzfälle guten Geschmacks hinweg und scheint bisweilen sogar selbst dieses geheimnisvolle Funkeln in den Augen zu bekommen, welches mir seit Anbeginn der Hochzeitsvorbereitungen die meinen glitzern lässt. Fantastisch diese Zeit! Nur schade, dass an ihrem Höhepunkt all das wohl verloren geht.

 

»Wird es nach der Hochzeit wieder anders?«, frage ich meine Freundin Kathi, hochzeitserprobt, eheringbestückt und damit erfolgreich durch die »oh-wie-niedlich-süß-...«-Phase gegangen. »Wird dann Kitsch wieder zu Kitsch?«

»Welcher Kitsch denn?«, fragt sie schmunzelnd. »Das ist dein, euer schönster Tag!«

Ich pflücke in Gedanken wieder selig lächelnd gelbe Butterblümchen von meiner grünen Hochzeitswiese. Ja, es wird der schönste Tag! Und Basti sei in diesem Augenblick verziehen. Ohne ihn wäre ich ja nie zu der Erkenntnis gelangt, dass das Leben sogar Kleinstadtcowboys in zerfetzten Jeans und mausgrauen Gammel-Shirts immer mal wieder auf rosaroten Wattewölkchen trägt ...

 

Eure Anni