Annis Welt (Teil 1)

Es lebe die Nostalgie!

 

Alle sprechen davon: Man heiratet wieder im großen Stil. Da wird nichts mehr ausgelassen. Kein Romantik-Kleid. Kein Romantik-Schloss. Keine Romantik-Zeremonie. Es darf so richtig geträumt werden. So wie früher mal, als alles noch ganz anders war. Apropos Nostalgie ...

 

Die ist im neuen Hochzeitsjahr ja wieder richtig im Kommen. Wen wundert’s auch? Irgendwie war früher halt auch alles viiiiel romantischer. Die Mode. Der Mai. Und die Menschen ja sowieso. Männer wussten noch, wie man einen gescheiten Heiratsantrag macht! Da kam sich keiner dämlich vor, wenn er vor seiner Angebeteten auf die Knie fiel und ihr - Gewehr bei Fuß - neben der gezückten Ringschatulle gleich auch noch den Rosenstrauß unter die Nase hielt. Muss ich erwähnen, dass er selbstverständlich zuvor schon bei den Eltern um ihre Hand angehalten hatte? Nein, natürlich nicht! Romantik hat halt was mit Stil zu tun. Und den sollen wir jetzt wiederbekommen. Die Designer haben es versprochen! Allenthalben wird mit solchen Schlagworten wie »Vintage«, »40er-«, »50er-«, »60er-« und »Wünschdir-was«-Jahre-Look um sich geworfen, und ich muss unweigerlich an das Brautkleid meiner Mutter denken, das da seit mittlerweile drei Jahrzehnten unberührt und vakuumverpackt in der Nostalgieecke ihres Schrankes schmort. Will es an die frische Luft? Wartet es auf Erlösung? Hat es überhaupt noch eine Daseinsberechtigung? Das muss recherchiert werden: »Mama, hast du eigentlich dein Brautkleid noch?« (rein rhetorisch gefragt, ich weiß ja, wo es steckt).

»Ja.«

»Warum hast du’s aufgehoben?«

»Der Erinnerung wegen.«

»Aber die hängt doch eingerahmt über dem Esstisch.«

»Das ist was anderes.«

»Inwiefern?«

»Weil es nicht vom gleichen spricht.«

»?«

»Ein Brautkleid ist für eine Frau halt was Besonderes.«

»So?«

»Du wirst es merken, wenn du auch mal eins gefunden hast.«

»Eigentlich wollte ich gerade deines auspacken.«

»Ach ja?«

Zum Vorschein kommt Nostalgie: ganz schlicht geschnitten, hochgeschlossen, halblange Ärmel mit Abschlusskrause und ein etwas störrischer Stoff aus großflächiger Lochspitze, den auch die luftdichte Verpackung nicht vorm fahlen Geruch bewahren konnte. Als ich meine Mutter, ihr Brautkleid vor sich haltend, mit verträumtem Lächeln im Gesicht ganz in sich versunken und sachte hin- und herwogend vor dem Spiegel stehen sehe, weiß ich, dass Nostalgie für mich anders gehen muss. Ich hätte ihr Kleid nicht haben wollen - nicht einmal, wenn es ihr Wunsch gewesen wäre. Es gefällt mir. Das ist nicht die Frage. Es hat den Stil seiner Zeit, den wir uns heute zurückwünschen. Diese Romantik, von der jeder spricht. Heute wie wohl damals schon.

»Wie lange hast du’s nicht mehr in der Hand gehabt?«, frage ich.

»Wohl 30 Jahre.«

»Und - wie findest du’s jetzt?«

»Perfekt!« Ja, das ist es. So perfekt wie auf dem Hochzeitsfoto überm Esstisch. Und eigentlich noch um ein Vielfaches perfekter. Denn das hier steckt voll Leben. Es ist die Wirklichkeit - auch wenn die lange Jahre auf Eis oder vielmehr: unter Plastik gelegt war. An Besonderheit hat sie dadurch nicht verloren. Im Gegenteil: Ganz unglaublich, dass dieser Stoff der Zeuge eines Ja-Worts war. Kein zufälliger, sondern ein dazu auserwählter. Schon bewegend, wenn dir das Gestern im Heute begegnet. Währenddessen wandern meine Gedanken schon ins Morgen. Oder übermorgen. Oder wann auch immer ich das Kleid entdecke, das aus meiner Seele spricht. Was meint schon Nostalgie? Eigentlich doch nur, was uns erinnert. Ein Bild aus unserem Kopf. Nicht unbedingt konkret, vielleicht nur ganz entfernt. Verbunden mit einem Gefühl. Und einer Wertigkeit, die überzeugt. Romantische Nostalgie. Nostalgische Romantik. Es wird sie immer geben. Mit jedem neuen Brautkleid, das ja auch »nur« auf dem Weg der Mode weitergeht. Und jedem Paar, das seine Hochzeit plant. Auch mit meinem Freund und mir. Pfeiff drauf, dass nicht er es war, der gefragt hat, ob wir heiraten. Ist er deswegen vielleicht weniger romantisch? Und weg mit dieser Zwangsvorstellung, die mich - bis in meine Träume rein - seit Wochen schon verzweifelt nach der Robe suchen lässt, die vor allem eines ist: nostalgisch. Soll sie doch so sein wie sie will. Zur Nostalgie wird dieses Kleid doch schließlich ganz von selbst. Spätestens in 30 Jahren, wenn ich es für meine Tochter als luftentleertes Plastikpäckchen aus der hintersten Ecke meines Schrankes ziehen werde. Und mich, wie heute meine Mutter, sicherlich ein bisschen über ihre Worte wundere, nach denen Heiraten mal wieder viiiiel romantischer werden soll ...

 

Eure Anni