Annis Welt (Teil 7)

Ganz schön Hot'n'Cold!

 

Frauen sind die besseren Strategen. Das ist nämlich der Grund, warum die Männer für sie Einkaufstaschen tragen, Sonntag morgen den Kaffee ans Bett bringen und natürlich auch den Heiratsantrag machen. Dachte Anni. Bis sie rausfindet, dass in ihrer Welt so manche Dinge anders laufen - und trotzdem ihre ganz normale Ordnung haben.

 

Jedes Mal, wenn ich Katie Perrys »Hot’n’Cold« im Radio höre, wird es mir selber so. Heiß und kalt. Ich liebe diesen Song. Und ich liebe das Video dazu. Gerade in meinem »Zustand« als Braut in spe. Ich sitze wie versteinert vor dem Fernseher und halte 4:44 Minuten die Luft an, bis alles wieder gut ist. Bis ihr Video-Lover endlich doch noch will, was er vorher nicht mehr wusste: heiraten, nämlich. Trotzdem bleibt mir noch danach dieses flaue Gefühl im Magen, als hätte ich meinen Wattepad-Vorrat für 30 Tage in einem Rutsch verschluckt. Kaum zu glauben, dass Watte so schwer wiegen kann! Und all die Schmetterlinge, die dort unter meinem Herzen sonst so wohnen und sich flügelflatternd wie verrückt bei jedem Gedanken an Andreas freuen, hängen müde gefangen zwischen seidenen Fäden. Was wäre, wenn ...? Nein. Ich möchte so was gar nicht denken. Und trotzdem kann ich nicht anders. Ob sich Andreas wirklich sicher ist? Weiß, was er tut? Zweifelt? Doch noch kalte Füße bekommt?

 

Eigentlich ist Wankelmut ja eher eine Eigenschaft von Frauen. Und zwar eine mit Methode. Wenn wir uns schwer tun, Entscheidungen zu treffen, glauben Männer, das wäre unsere Schwäche. Dabei spielen wir nur eine Stärke aus. Kleines Beispiel - letztens mit Andreas im Kaufhaus:

»Sag’ mal - soll ich die schwarzen Pumps nehmen?«, frage ich.

»Hm, find ich gut«, nickt er.

»Wirklich? Nicht zu hoch der Absatz?«

»Nö.«

»Und was ist mit den roten da?«

»Auch nicht schlecht.«

»Besser als die schwarzen?«

»Keine Ahnung!«

Ich stehe »verzweifelt« da und schaue ihn mit großen Augen an. In der linken Hand den roten, rechts den schwarzen Schuh. Vielleicht sollte ich dazu noch erwähnen, dass dieser Szene bereits seit gut und gerne 55 Minuten die Anprobe etlicher anderer schwarzer, roter, brauner, rosa, gelber, weißer, türkis- und andersfarbiger Pumps, Sneaker, Ballerinas, Sandaletten, Turnschuhe, Slipper und Flip-Flops vorausging ...

»Mensch, jetzt sag’ doch auch mal was«, maule ich.

»Mein Gott, dann nehm doch beide!«

»Wenn du meinst!«

Schon stehe ich an der Kasse. Mein Freund hat mich ja dazu genötigt!

 

Bleibt nur die Frage, ob er sich (umgekehrt durch mich) zur Planung unserer Hochzeit genötigt sah. Immerhin war ich es ja, die ihm den Antrag machte und nicht er mir. Ich gebe zu, das stimmt mich nachdenklich. Ob man so ein »Ja!« für bare Münze nehmen darf? Oder kommt es doch nur aus dem Augenblick, wenn die Gefühle mit uns durchgehen und wir irgendwie das Chaos in unseren Herzen lösen möchten, das einer solchen Situation mit all der Anspannung, Verliebtheit, Hoffnung und Berührtheit innewohnt. Womöglich wird aus meinem Lieblingslied noch ein echter Antisong, wenn ich es bin, die sich die Hochzeitsschuhe unter die Spitzenärmel klemmt und mit dem Brautstrauß bewaffnet hinter ihrem Bräutigam herjagen muss ...

 

An diesem Abend möchte ich es wissen. Top oder Flop. Es kann ja wohl nicht angehen, dass mir die Aussicht auf den schönsten Tag im Leben auf Dauer Watte-Blähungen macht.

»Setzt dich unsere Hochzeitsvorbereitung unter Druck?«, frage ich Andreas.

»Enorm!« Er schaut dabei noch nichtmal vom Kartoffel schälen auf. Ok. Ich will es doch nicht noch genauer wissen.

»Hast du nicht immer gesagt, heiraten ist nur was für Vergessliche, die’s schriftlich brauchen?«, fragt er.

Gesagt schon, denke ich. Aber doch nicht so gemeint. Wann lernen Männer nur mal zwischen den Zeilen zu lesen?

»Jetzt bin ich ja einer deiner Vergesslichen. Und weißt du wie schwer es mit diesem Handicap zu planen ist ... «, lacht er.

Ach so! Mir fallen gefühlte tausend Kilogramm vom Herzen.

»Ich hab’ mich schon gefragt, wie lang ich noch über alle Heiratskandidaten in unserem Freudeskreis lästern muss, bis das endlich deinen Ehrgeiz weckt«, sagt Andreas.

Ich kann’s nicht glauben: »Du wolltest so erreichen, dass ich dir einen Antrag mache?«

»Wer wie du redet ...«

So viel zum Thema Wankelmut mit Methode. Und dazu, dass Frauen bessere Strategen sind. Jetzt habe ich mein »Hot’n’Cold«. Und glücklicherweise auch das Happy End dazu ...

 

Eure Anni