Annis Welt (Teil 6)

Gut, dass Geister dämlich sind

 

Wozu braucht es Bräuche, fragt sich Anni diesmal und stellt fest, dass ihr längst nicht jeder gut gefällt. Mit ihrer Wirkung ist das schließlich auch so eine Sache - oder hat man schon einmal davon gehört, dass böse Geister eine Braut entführten, nur weil es an Dosen hinterm Auto fehlte? Eines allerdings ist doch an ihnen magisch: Sie packen früher oder später einfach jeden. Selbst Anni ...

 

Jedes Mal, wenn ich in den Hochzeitsalben anderer Menschen blättere, bleibe ich an diesem Foto hängen: Links die Braut, rechts der Bräutigam - und in der Mitte etwas, das dort niemals hingehört. Ein Baumstamm! Dick und rund und knochenhart. Kein Mensch weiß, wie er da hinkam und warum die gerade noch vom Glück Benommenen zwei Minuten nach dem Ja eine fette Scheibe davon abschneiden sollen. Aber sie tun’s. Die Braut mit dem Lachen der Verzweiflung im Gesicht, der Bräutigam mit verbissen-ernster Miene. Ja, geht der endlich durch?!? Wie schön, dass ein blitzblauer Himmel - wunschgemäß und wie bestellt - mit dem Glück des Brautpaars um die Wette strahlt und eine gleißend weiße Sonnenkugel ihre Hitze gefühlte 42 Grad heiß auf den Erdball brezeln lässt ... So ein Jackett kann man schließlich ausziehen! Und Frauen ist es ja sowie ständig zu kalt. Soll der Schweiß doch rinnen! Die Hände brennen. Und der Kuchen warten. Hauptsache Augen zu und durch (durch diesen Anstandsklotz). Auch von der Hochzeit meiner Arbeitskollegin gibt es solch ein Bild. Die halbe Firma war zum Gratulieren angetreten und Zeuge dieses Schauspiels nach dem Standesamt geworden. Jetzt - vier Wochen später - gackern wir Mädels uns durch fotodokumentierte Erinnerungsberge.

»Ooooohhhh, dieses Kleid, sooo schööön!«

»Mhm, das Buffet war der Hammer ...«

»Wie süüüß, die Blumenmädchen!«

»Wirklich, du siehst sooo glücklich aus!«

Die begeisterten Stimmen verkommen für mich zur Hintergrundmonotonie. Da sitze ich, wie gelähmt, mit diesem Foto in der Hand. Sollte es tatsächlich keine Hochzeit ohne geben? Ohne plumpe Waldmannskost mit Sägengezerre und Holzgesplitter? Mir schwant das Schlimmste für mein eigenes Glück.

»War’s sehr schlimm?«, frage ich.

Mein offensichtlich mitleidsvoller Blick reißt eine Schneise des Schweigens in den bunten Plapperwald.

»Was denn?« - Sandra versteht nicht.

»Dieses Baumstammsägen - warum muss das nur immer sein?«

»Ist doch lustig!«

Das kann jetzt nicht ihr Ernst sein! Doch dieses ganz entspannte, souveräne Lächeln ist nicht aufgesetzt. Sandra hatte offensichtlich Spaß. Auch wenn’s im Foto nicht so wirklich danach aussieht. Ob’s wohl daran liegt, dass sich das Baumstammsägen einfach nicht mit Stil und Würde einfangen lässt?

»Ist doch super, dass die Freunde meines Mannes all das vorbereitet haben«, sagt Sandra schließlich. »Ich wollte eine Hochzeit mit Tradition und solchen Bräuchen. Das gehört doch einfach mit dazu!«

»Fehlt nur noch, dass du sagst, ihr hättet eure Paar-Bewährungsprobe jetzt bestanden ...«

»Ganz genau!«

»Aber du bist doch sonst nicht so abergläubisch.«

Dieses Argument muss einfach ziehen. Denn das ist Sandra wirklich nicht. Vielmehr eine taffe Frau, die weiß, was sie will, und ‘im echten Leben’ für gewöhnlich so ganz und gar nicht kitschbesessen oder märchengläubig ist.

»Nein, natürlich nicht. Die Horoskop-Expertin bist ja du«, schmunzelt sie.

Ertappt! Ich gebe zu, ich lese Horoskope. Manchmal leise, manchmal allen vor ... Nicht, weil ich wirklich daran glaube. Sondern, weil’s so herrlich simpel ist. Ein Versprechen für den Augenblick, das man gerne annimmt, wenn’s gefällt, und schnell vergisst, wenn’s blöde ist oder dann halt doch ganz anders kommt. Sandra hat schon Recht. Ich bin die Erste, die sich wünscht, als Braut durch einen Reisregen zu gehen - auch wenn ich daraufhin nicht sofort schwanger werden will. Ich möchte Blumenkinder, die mit Blüten werfen. Eine Hochzeitstorte, mindestens fünf Stockwerk hoch (und meine Hand beim Anschneiden ganz obenauf). Ich möchte etwas Blaues, etwas Geliehenes, etwas Neues und etwas Altes bei mir tragen. Meine Brautschuhe Cent für Cent bezahlen. Scheppernde Dosen am Auto und ein Hupkonzert. An der Seite meines Vaters in die Kirche gehen. Salz und Brot essen und den Eröffnungswalzer tanzen. Ich möchte über die Schwelle getragen und von Brautjungfern begleitet werden. Und ich find’s großartig, dass böse Geister derart dämlich sind, sich von solchen Lappalien beirren zu lassen! Und wenn da nach dem Ja-Wort irgendwo ein Baumstamm in der Gegend liegt, dann gnade ihm der Waldgeist - ich werde vorbereitet sein! Ab heute liegt mir Handwerkskunst im Blut. Und ein Foto, auf dem ich selbst mit Säge lächle, am Herzen!

 

Eure Anni