Annis Welt (Teil 10)

Heiraten ist gegen die Vernunft!

 

Verliert man als Braut eigentlich die Fähigkeit, noch klar zu denken? Ist das Planen einer Hochzeit damit vielleicht sogar die Steigerung von »schwer verliebt«, in dessen Zustand alles Sinnige aus den Angeln des Verstands gehebelt wird? Anni befürchtet, dass ein Virus alle Bräute befällt. Und kommt zur Überzeugung, dass es sich selbst kuriert!

 

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Das ist das Lieblingssprichwort meiner Mum. Immer wieder treffend und deshalb immer wieder gern im Einsatz. In letzter Zeit stelle ich allerdings einen etwas beunruhigenden Anstieg seiner Gebrauchsfrequenz fest. Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen! Zum Beispiel, wenn es um die Finanzierung einer Hochzeit geht. Da verlieren die am Anfang noch so sorgfältig festgelegten Budget-Höchstgrenzen doch recht zügig ihre Anstandsscham, wenn sie überschritten werden. Und so legte meine Mutter mit einem ... du weißt schon was ... auf den Lippen den nicht zur Ablehnung zugelassenen Sponsoring-Antrag in die Obhut meines Vaters. Widerrede ausgeschlossen! Weil: besondere Umstände eben ... Das wirklich eigenartige dabei bin ich selbst. Vor wenigen Monaten noch hätte ich mich, ganz so wie’s das Sprichwort wünscht, mit dem Löwenmut einer Rebellentochter in ihren Weg geworfen, um das blamable Bittstellertum vor meinem Dad mit aller mir nur zustehenden Macht und vollem Nachdruck zu verhindern. Vor Monaten noch, wie gesagt. Da war das Brautvirus in mir offensichtlich noch nicht ganz so fortgeschritten. Mittlerweile hat es sämtliche (der Logik zugewandten) Gehirnfunktionen lahmgelegt, das Sprachzentrum seiner (kritischen Einwände formulierenden) Fähigkeit beraubt und meine (auf sachlichen Erwägungen basierende) Entscheidungsfreude ausgehebelt. Stattdessen denkt es nur noch Braut. Märchenhochzeit. Gäste. Feiern. Traumkleid. Perlenzauber. Romantik. Zauberschloss. Und: Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Die da heißen: Besondere Hochzeiten erfordern besonderen Aufwand. Doch einen letzten, kleinen Rest an Selbstbestimmung scheint es noch zu geben, sonst würde ich wohl durch die Dichte der rosaroten Wölkcheninvasion nicht doch noch einen gleißend-klaren Strahl der Grundvernunft erkennen, der die Veränderung in mir zumindest wahrnimmt.

»Eigentlich wünsche ich mir eine kleine, ganz intime Hochzeit«, sage ich, als meine Mum und ich, Arm in Arm gehakt, die Shoppingmeile entlangschlendern.

»Alles, was du willst«, sagt sie. »Du sollst am Ende sagen können: Das war genau die Traumhochzeit, die ich mir immer vorgestellt habe

 

Genau das ist ja das Problem! Träume sind grenzen-, zeit- und endlos. Sie lassen sich zu immer neuen Traumsequenzen weiterträumen, denen nie ein Riegel vorzuschieben ist. Dieser Umstand erfordert keine Maßnahme. Er bedingt sich einfach selbst. Und vermutlich driften Bräute deshalb allzu gern in andere Sphären ab, weil das Feiern einer Hochzeit ganz gefährlich nah am Traum gebaut ist. Aus und vorbei ist’s dann mit all den 'R'ealistinnen, denen nichts und niemand ein X für ein U vormachen könnte, wenn da nicht der besondere Moment der Hochzeit ihre besondere Aufmerksamkeit erfordert hätte, wonach spätestens beim Ja-Wort träumen, Stofftraum anprobieren und Traumlocation finden nur noch das 'R' aus ihrem Selbstverständnis für die neue Lebensabschnittsselbsterfahrung als 'R'omantikerin stehen bleibt. Nichts ist, wie es einmal war, wenn man als Frau erfasst ist von dieser makellosen, glimmer-glitzer-funkelklaren Hochzeitsphantasie, in der Prinzessin zu sein das Geburtsrecht aller Frauen scheint. Und genau das ist auch gut so. Nichts, was man daran verändern wollen sollte. Immerhin war ich ja auch der Augenzeuge dabei, als bei meinen (inzwischen schon verheirateten) Freundinnen das Brautvirus von jetzt auf nachher zuschlug, es sie über Wochen hinweg auf Traumflügeln getragen durch ihr Leben schweben ließ, bis es nach einem Fest wie aus dem Handlehrbuch für Märchenhochzeiten wieder so urplötzlich und restlos verschwand als wäre es nie dagewesen. Gäbe es da nicht das Funkeln in den Augen, das nach Jahren noch sofort erstrahlt, wenn das Gespräch auf den schönsten Tag von damals kommt - niemand würde je vermuten, dass in jedem Realisten auch das Herz eines Romantikers steckt. Der froh ist, dass er sich dem Traum der Träume hingegeben hat. Nicht einen Augenblick im Zweifel war. Und dass es durchaus Logik hat, wenn uns der Umstand, Braut zu sein, mit allen nur erforderlichen Maßmaßen einnimmt.

 

»Danke, dass du mich so unterstützt«, sage ich zu meiner Mum. Sie lächelt, als wüsste sie genau, was in mir vorgeht.

Ich würde sagen: Besondere Momente verlangen nach besonderer Aufmerksamkeit. So wie besondere Menschen auch besondere Zuwendung verdienen. Und ein besonderer Umstand (der der Liebe) besondere Maßnahmen erfordert: Die eines tollen Hochzeitsfestes!

 

Eure Anni