Annis Welt (Teil 18)

Hochzeitsspaß muss sein!

 

Im Märchenparadies der Bräute gibt es nichts, was nicht sein darf. Alles möglich. Alles hübsch. Und alles zauberhaft. Solange man dem Schönen nicht hinter die Fassade schaut ... Denn irgendwie hat eben alles zwei Gesichter. Doch das zwingt Anni durchaus nicht zur Aufgabe oder zum Verzicht. Nur dazu, Alternativen zu finden ...

 

Es passiert an einem Sonntag Mittag in meiner Küche. Eigentlich wollte ich meinem Freund Andreas und mir ja nur etwas Leckeres auf den Tisch zaubern. Nasi Goreng - oder so was ähnliches. Jedenfalls mit Reis. Im Hintergrund läuft laute Musik, ich hantiere quietschvergnügt mit Topf, Löffel und Kelle, schlittere von meiner Küchenarbeitsfläche links zu Küchenarbeitsfläche rechts und inmitten meines unbefleckten Gute-Laune-Szenariums landet der komplette Inhalt einer 500-Gramm-Packung Reis, beim Versuch den störrischen Plastikbeutel zu öffnen, mit unnachahmlicher Geräuschkulisse und einer Wucht von explosivem Ausmaß auf dem stillen Grau meines Fliesenbodens. Aus Grau wird Grau gesprenkelt.

»Mist!« Gute Laune ist eine Stimmungszicke. Schneller weg als man sie hat und immer unberechenbar. Launisch halt. Weil Laune, welcher Art auch immer, das nunmal an sich hat. Angesichts des Nahrungsmittelseklats auf meinem Boden ist mir das im Augenblick auch ziemlich wurscht. Kann mir vielleicht mal jemand bei der Sauerei hier helfen?

»Is’ was?« höre ich gelangweilt - und rein rhetorisch gefragt, versteht sich - von nebenan.

»Ja, es is’ was«, raune ich zurück. »Jetzt komm doch mal!«

Andreas latscht um die Ecke. »Wow, cooles Muster!,« grinst er. »Übst du schon für unsere Hochzeit? Probereiswerfen? Da mach ich mit! Wo ist die nächste Packung?«

Ha, ha!

»Wenn da jemand wirft, dann unsere Gäste!«

Genervt hole ich den Staubsauger. Andreas ist nicht wirklich eine Hilfe. Mit lautem Rasseln verschwinden die Reiskörner im Saugerrohr. Was für eine Verschwendung! Ich überlege, wie viele Kilos von Reis wohl Woche für Woche irgendwo auf der Welt über irgendwelchen Brautpaaren ausgeschüttet werden. Einer alten Geschichte wegen. Weil es Glück bringen soll. Oder viele Kinder. So lautet ja zumindest die offizielle Erklärung für diesen Brauch aus Asien, wo das Reiskorn ein Fruchtbarkeitssymbol ist. Aber wenn wir ehrlich sind, doch eigentlich nur eines schönen Fotos wegen. Ja, ich gebe zu: Auch ich stehe auf diese Bilder! In den Alben meiner schon verheirateten Freundinnen sind sie meine absoluten Favourites. Gibt es eine schönere Momentaufnahme als die, wenn das Brautpaar aus der Kirche kommt, gerade frisch verheiratet, all die Anspannung weg, ready to party und sich blinzelnd, halb geduckt und glücklich strahlend durch einen Schauer cremeweiß herabnieselnder Reiskörner kämpft? Irgendwie steckt in einem solchen Bild doch alles, was sich beim Heiraten zwischen Spaß und Tiefgang abspielt. Ja-Wort, Kirche, Brauchtum, Brautpaar, Gäste, Freudestrahlen auf einem Foto. Perfekt! Doch, so eines will ich auch. Andreas und ich im Reiskornhagel ...

 

Inzwischen trägt mein Küchenboden wieder uni Grau. Unser Nasi Goreng kann ich allerdings vergessen. Der Vorratsschrank gibt nur noch Nudeln her. Kartoffeln hätte ich da noch. Irgendwie könnten die doch auch als Fruchtbarkeitssymbol herhalten - so wie die da unterirdisch wuchern ... Aber wer käme schon auf den verrückten Gedanken, mit Kartoffeln zu werfen? Und ich wollte auch nicht unbedingt die Zielscheibe dabei sein!

»Meinst du, die werfen Reis, wenn wir aus der Kirche kommen?«, frage ich Andreas.

»Glaub schon ...«

»Und hältst du das für moralisch vertretbar?«

»Was?«

»Mit Essen soll man nicht - du weißt schon ...«

»Ach so ...« Mit einem Achselzucken verabschiedet sich Andreas aus der Küche und unserer Konversation.

 

Knapp 45 Minuten dauert es, bis er mich - oder etwas Essbares - vermisst. In der Küche findet er mich nicht. Dafür in unserem Arbeitszimmer.

»Wolltest du nicht kochen?« Der Frage hängt ein doch recht vorwurfsvoller Nachklang an.

»Kein Reis mehr da ...«

»Und - bestellst du welchen online?« Andreas Laune ist im Keller. Meine wieder bestens!

»Nö, Seifenblasen.«

Andreas will nichts weiter wissen. Er verschwindet in die Küche - Kartoffeln schälen. Und ich male mir mein Hochzeitsfoto aus. Mein Schatz und ich in einem Regenbogenmeer aus Weddingbubbles, wie sie schillernd bunt und strahlend schön einem tiefblauen Himmel entgegentänzeln und dann rückstandsfrei und politisch korrekt im Nirgendwo verschwinden. Schön, nicht?

 

Eure Anni