Annis Welt (Teil 9)

Ist Geschmack am Ende antrainiert?

  

Was macht eine Deko eigentlich zur Hochzeitsdeko? Gibt es außer Rosa doch noch andere Alternativen? Und ist der Geschmack von Frauen eventuell von Kindesbeinen an manipuliert? Anni stellt sich der optischen Herausforderung für ihren großen Tag mit ungewohntem Wankelmut. Und stößt dabei auf eine schockierende Theorie:

 

Aha. Das also sind Ranunkeln. »Und die da?«, frage ich. Gladiolen. Verstehe! »Haben Sie auch Freesien?,«, bohre ich weiter. Nein, keine da. Das Lächeln ist der schrulligen Marktfrau mittlerweile aus dem Gesicht gewichen.Wie eine alte Eiche, der kein Sturm der Welt die Wurzeln aus dem Boden reißen kann, hat sie sich hinter einem Meer aus bunten Blumen an der Kante des breiten Markttischs aufgebaut. Die Hände sind in die Taschen ihrer dunkelgrünen Schürze gerutscht, so als müssten sie irgendwo sicher verstaut werden, um keinen Unfug anzustellen. Und während ich immer noch fasziniert all die Lilas und Grüns und Rosas und Gelbs und Rots und Blaus bewundere, die die Natur in diesem wundervollen Nuancenreichtum über den Erdboden verteilt und jetzt auf den Holztisch meiner Marktfrau gebracht hat, fordert ihr energischer Blick endlich eine Entscheidung.

»Wonach suchen Sie denn?«, fragt sie in gütigem, aber bestimmten Tonfall.

 

Das Problem ist: Ich weiß es nicht. Seitdem sich unsere Weddingplannerin in den Details einer Bilderbuchoptik für unser Hochzeitsfest verstrickt und uns (oder eigentlich ja mich) gnadenlos mit in den Sumpf der Milliarden Möglichkeiten gerissen hat, ist mein sonst so spontanes und vielfach erprobtes Entscheidungstalent auf das Verhaltens-Niveau einer Stabheuschrecke verkommen. Ich verfalle nämlich augenblicklich in Schreckstarre, wenn mir jemand auch nur zweiMöglichkeiten offenbart. Vor allem, wenn diese nicht die leichte Wahl zwischen A und B, sondern die ungleich schwerere zwischen schön und genauso schön enthält. Und eben das passiert, wenn eine Hochzeit gestaltet werden soll. Mir kann keine Braut der Welt erzählen, dass es ihr nicht ganz genauso geht. Schließlich hat die Wissenschaft noch keine Antwort auf die Frage gefunden, ob Lila hübscher aussieht als Violett. Und jeder Laborratte ist es freilich schnurzegal, ob ihr Käfig von einem Kristall-Kandelaber oder einem Steingut-Leuchter in das sanfte Licht von Kerzenschein getaucht wird. Ranunkeln oder Gladiolen? Ich wusste bis vor zwei Minuten nicht einmal, wie auch nur eines davon aussieht!

»Nach etwas Fröhlichem«, beantworte ich die Frage.

Na toll, gibt es etwas Fröhlicheres als bunte Blumen? Ob meine Marktfrau wirklich ungläubig die linke Augenbraue hochzieht oder nur der Schatten des Markisen-Dachs eine von mir falsch verstandene Linie auf die Stirn warf, weiß ich nicht. Blöd komme ich mir so oder so vor. Und in meinem Rücken spüre ich langsam aber sicher das ungeduldige Drängen einer entscheidungsfreudigen, vermeintlichen Hausfrau, der die Frage danach, welcher Strauß in Kürze ihrenWohnzimmertisch zieren wird, so locker von der Hand geht wie einer Stabheuschrecke das in Ohnmacht fallen.

»Wie wäre es mit dem hier. Pink ist so eine frische Farbe! Auf mich wirkt sie begeisternd«.

Und bevor ich es mir wieder anders überlegen könnte, hat sie das Sträußchen schon in ihrer Hand. Ja, Pink stand auch zur Diskusion. Oder Rosa. Man weiß ja kaum, wo zweites aufhört und erstes anfängt! Jedenfalls der Klassiker als Hochzeitsfarbe.

 

Mir kommt da eine Theorie: Vermutlich tauchen deshalb alle Frauen ihre Hochzeitsdekos mit der größten Vorliebe in ein Meer aus Zart-Rosé, weil Bräute schon millionenfach vor mir an dieser winzig kleinen Farbentscheidung scheiterten und sich anders nicht zu helfen wussten. Von wegen rosa Wattewölkchen-Träume! Lange noch bevor wir auch nur das Wort für Rosa kennen, wird es uns zum Schicksal gemacht. Mit rosa Strampelanzügen, rosa Schlafsäcken und rosa Rasseln. Es folgen rosa Barbieschlösser, rosa Diddle-Stifte und rosa Kleidchen. Und wenn wir dann endlich beim rosa Lippenstift und Nagellack angekommen sind, ist Widerstand schon längst als auch nur mögliche Option aus den Variablen unseres Handlungsspielraums gestrichen. Und wozu das alles? Nur, um als Braut zu wissen, was man will! Nämlich ein Märchenschloss. Eine Pferdekutsche. Einen Dekotraum mit Glitzer, Glanz und Gloria. Und mit Rosé. Nur mit einem hat man dabei nicht gerechnet: mit Wedding Plannern. Sie sind die Robin Hoods im Rosa Forrest, die um Gerechtigkeit für alle Andersfarben kämpfen. Für Grün und Gelb und Schwarz und Gold und Oliv und Cappuccino und ich weiß nicht was. Und die das Land der hunderttausend Hochzeits-Deko-Möglichkeiten auch als das betrachten was es ist: als hunderttausend Möglichkeiten nämlich.

»Ich nehme den hier«, sage ich.

»Der ist blau!«

»Ich weiß ...«. Eines habe ich gelernt, als ich mit meinem Sträußchen in der Hand weiterschlendere: Schreckstarren sind offensichtlich vorübergehend ...

 

Eure Anni