Annis Welt (Teil 13)

Jeder Prinzessin ein Schloss (1)

 

Jede Hochzeit hat ihren Schauplatz. Den, wo sie gefeiert wird, nämlich. Ein Ort, der wunderschön und wie einzig und alleine für das Brautpaar gemacht sein sollte. Trotzdem muss man ihn sich manchmal erst erobern. Denn auf dieser Welt gibt es offensichtlich weitaus mehr Prinzessinnen als Schlösser. Auch Anni musste dies erfahren:

 

Schauplatz: ein Schloss, irgendwo im Osten der Nation. Vor uns liegt, in die Landschaft wie ein Teppich ausgerollt, eine breite Alleestraße, die die gepflegte Gartenanlage in zwei Hälften teilt. Wir fahren durch das schmiedeeiserne Tor, dessen schwere Flügel sich zu unserem Empfang weit geöffnet haben und lassen die von wilden Rosenranken und Efeublättern umspielte Natursteinmauer hinter uns. Langsam ziehen hoch gewachsene Pappeln an uns vorüber. Dahinter blitzt das satte Grün eines perfekt gepflegten Rasens hervor. Sorgfältig angelegte Blumenbeete zeichnen auf ihm ihre Farbphantasien wie bunte Mandalas in die Erde, während zu Kugeln geformte Zierbüsche den Anschein erwecken, als würden sie über das millimeterkurz rasierte Grün kullern. Weit hinten krümmt sich eine steinerne Brücke im galanten Bogen über ein wasserbefülltes Rinnsal, um auf der anderen Seite einfach so ins Nichts zu führen. Und während ich mich in Gedanken schon über die mit weißem Kies bedeckten Wege flanieren sehe, über die die Schleppe meiner langen Robe sanft hinwegstreichelt, stehen wir schon direkt davor: MEINEM Schloss. In Sonnengelb und Festtagscreme. Mit Rapunzeltürmchen und Ornamentgeschnörkel. Es hat nur auf MICH gewartet! So fühlt es sich zumindest an. Denn seit ich es schon aus der Ferne majestätisch vor sich hinschlummern sah, weiß ich: Das ist es! Das ist MEIN Ort, MEINE Location. Nur FÜR MICH gemacht. Hier will ich den schönsten Tag meines Lebens verbringen. Noch immer sprachlos verharre ich vor der breiten Cinderella-Treppe, die zu einem respektablen Eingangsportal emporführt. Andreas steht schon oben. Offensichtlich hat ihm die Schönheit meines mitten in einem Märchengarten gelegenen Traumschlosses keineswegs die Sprache verschlagen.

»Was ist denn?«, fragt er ungeduldig. »Willst du nicht reingehen? Der Festsaal ist da drinnen.«

Schon klar! Aber das Draußen gehört doch auch dazu. Diese Abgeschiedenheit. Diese Stille. Diese fürstliche Welt inmitten einer ganz gewöhnlichen.

»Wir könnten uns doch erst den Park ansehen«, sage ich.

Andreas zuckt die Achseln. Wäre es nach ihm gegangen, hätten wir spätestens Schloss Nummer drei den Zuschlag gegeben, das das dritte Wochenende in Folge meine Begeisterung fürs Prinzessinnen-Leben beflügelte (während es für ihn das dritte Wochenende in Folge ohne Fußball-Live-Berichterstattung auszukommen bedeutete). Bei Schloss Nummer vier in der vergangenen Woche war die Spitze seiner Leidensfähigkeit erreicht (die sich immerhin noch dadurch auszeichnete, genervte Widerworte zu geben: ‘Zu wenig Zimmer für die Gäste’, ‘Kapelle viel zu weit weg’, ‘Irgendwie riecht das hier miefig’, etc. pp.). Heute scheinen wir bereits die Resignationsphase erreicht zu haben. Kommentarlos schlurft er wieder die Treppe runter. Entzaubert wird sie dadurch aber nicht. Viel eher durch das Heranfahren eines weiteren Autos hinter mir, dem das laute Zuklatschen von Autotüren folgt.

»Wie schön!!!!«, seufzt die junge Frau, die soeben ausgestiegen ist.

»Joo«, nickt der Mann neben ihr. Dem Wortklang nach zu urteilen, scheint er sich nicht ganz so sicher zu sein, ob er seine uneingeschränkte Zustimmung und damit voll geteilte Begeisterung ausdrücken oder doch lieber auf dem Boden männlicher Betrachtungsweisen bleiben soll. Schloss Nummer zwei für die beiden, würde ich demnach tippen. Hand in Hand schlendern sie Richtung Märchenrasen. MEINER übrigens. Nicht dass hier einer auf die Idee kommt, Anspruch auf MEIN Schloss zu erheben und es unter hochzeitliche Fremdregentschaft zu stellen. Und noch während sich die eine Gefahr langsam zwischen grünen Buschkugeln auf den weiß bekiesten Flanierwegen im Schlosspark entfernt, kommt die nächste direkt auf mich zu, als die Prunktüre an der Spitze der Cinderella-Treppe drei sich angeregt unterhaltende Menschen »ausspuckt«.

»Das Ambiente ist ein Traum«, sagt (man staune!!!) ein Mann (vielleicht gibt es nach der Resignations- noch eine Zustimmungsphase???).

»Genau das, wonach wir gesucht haben«, zwitschert die Frau an seiner Seite und hakt sich anschmeichelnd bei ihm unter.

Ein zweiter Herr im eleganten Anzug nickt gütig. Offensichtlich hat er hier wohl das Sagen.

»Und im August können Sie sogar den Park für Ihre Feier nutzen«, sagt er.

Wie bitte? August?

»Ein schönes Datum, der 08.08.«, fährt er fort.

Ja, das finde ich auch. Das ist nämlich MEIN Hochzeitsdatum! Wollen wir mal sehen, wer hier die Prinzessin ist! Entschlossen stapfe ich die Treppe hoch. Andreas bleibt achselzuckend unten zurück ... Hier gibt’s noch ein Nachspiel:

Fortsetzung folgt!

 

Eure Anni