Annis Welt (Teil 14)

Jeder Prinzessin ein Schloss (2)

 

Anni hat die Traumlocation für ihre Hochzeit gefunden. Dummerweise ist sie nicht allein. Das Schloss gefällt noch einem anderen Paar. Und das hat auch noch denselben Hochzeitstermin! 08.08. So viel konnte sie von einem Gespräch belauschen. Wie’s jetzt weitergeht? Hier die Fortsetzung der Geschichte (von Teil 13): 

 

Hier stehe ich also. Vor der schweren Holztüre meines Märchenschlosses. Wer weiß, wie viele Brautpaare sich hier schon die Klinke in die Hand gereicht haben. Ein schöner Griff im Übrigen. Golden. Perfekt zu den Schnörkelornamenten, die das dunkle, dicke Holz des Portals zieren. Kein Wunder, dass sich Menschen von dieser Schönheit angezogen fühlen. Besonders, wenn sie auf der Suche nach noch mehr Schönheit für ihren schönsten Tag sind. Das Grüppchen neben mir (Brautpaar und Schlossherr, deren Gespräch ich ja entnehmen konnte, dass MEIN Hochzeitstermin in Gefahr ist, weil auch die beiden am 08.08. feiern wollen) ist immer noch mit belanglosem Smalltalk beschäftigt und tut so, als bemerke es mich nicht. Bin ich Schlossgeist, oder was? Unsichtbar? Hallo!!! Das glaubt doch keiner, dass mich nicht zumindest »Miss Ich-bin-die-Braut-hier« wahrgenommen hat. Schließlich habe ich den exakten Wortlaut ihrer Konversation doch auch mitbekommen und das, obwohl sie mich nicht wirklich etwas anging und da noch gut 20 Meter Luftlinie oder 35 Treppenstufen zwischen uns lagen. Andreas steht immer noch am selben Fleck. Am Fuß des Aufgangs und so starr wie der aus Stein gemeißelte Löwe auf dem quadratischen Podest neben ihm. Nur nicht so vermoost und abgeschrappt. Aber vergleichbar angegriffen. Nicht von der Zeit, sondern von Genervtsein. So was wie Hochzeitstortenfutterneid scheint er nicht zu kennen. Vielleicht ist der ja auch eher unter Bräuten verbreitet. Aber dass die in dem Konkurrenz-Brautpärchen direkt neben mir personifizierte Gefahr, eine Traumlocation vor der Nase weggeschnappt zu bekommen, nicht mal den testosterongedopten Platzhirsch in ihm zu Taten anstachelt, enttäuscht mich doch sehr. Statt selber angepisst zu sein, sollte er mal lieber den Löwen neben ihm markieren, um hier die Revierverhältnisse zu klären. Doch die Sache scheint aussichtlos. So sehr ich auch mit telepathischer Bestimmtheit seinen Aktionismus anzustacheln versuche - meine auf den Weg zu ihm gesandten Morse-Wölkchen regnen sich wohl irgendwo zwischen Stufe zwölf und fünfzehn ab. Ich kann meine Wunschgedanken bemühen wie ich will: Grüne Parkanlage. Weißer Flanierkies. Buchsbaumkugeln. Bogenbrücke. Rapunzeltürmchen. Märchenschloss. Hochzeitstermin. 08.08. - Flatsch! Außer einer jämmerlichen Pfütze aus unerfüllten Festsehnsüchten bleibt von meinem Luftschloss nichts zurück.

 

»Hallo! Herzlich willkommen auf Schloss Märchentraum. Kann ich etwas für Sie tun?«

Der Herr im eleganten Anzug, der hier ganz offensichtlich über die Erfüllung von Hochzeitswünschen entscheidet, lächelt mich freundlich an. Ich war so sehr damit beschäftigt, meine Traumblasen zerplatzen zu sehen, dass ich gar nicht bemerkte, wie meine Braut-Konkurrenz an der Seite ihres Reviermeisters den Rückzug angetreten hat.

»Ich. Ja. Äh. Wir heiraten«. Na toll. Den Bewerbungsspruch muss man sich merken.

»Herzlichen Glückwunsch! Möchten Sie sich gerne hier umsehen?« Dieser Mann ruht in sich wie sein Schloss. Keine Miene verzogen. Keine peinliche Verständnispause. Nichts. Stattdessen die freundliche Einladung, einzutreten. Zu meinem weiteren Erstaunen hat zwischenzeitlich auch noch irgendeine Zauberfee meinen Prinzen aus der Versteinerung wachgeküsst, denn er steht völlig unvermittelt und zudem noch bestgelaunt an meiner Seite.

»Hallo!« lächelt er und streckt dem Hüter über Schloss und Tor vergnügt die Hand entgegen.

 

Als ein leises Knarren das Öffnen der Tür begleitet und ich über die Schwelle auf einen in herrlichen Farben und Mustern gelegten Steinboden trete, die faszinierende Höhe der Räume wahrnehme, über Wandmalereien und Stuckarbeiten staune, edles Mobiliar bewundere und mich von sanft durch die Quadrate der Sprossenfenster fallendem Licht verzaubern lasse, das das Ambiente in eine geheimnisvolle Stimmung taucht, sind mögliche Terminüberschneidungen längst vergessen und aller Zweifel wieder verflogen. Ja, hier bin ich die Prinzessin. Und wenn ich auch kein anderes Königskind zur selben Stunde neben mir dulde, so kümmert’s mich doch nicht, wenn die Krönchen-Trägerinnen tageweise wechseln. Wir sind hier alle nur eine Starbesetzung auf Zeit und haben uns den Zauber einer schönen Umgebung ohnehin bloß geliehen. Der Zauber in unseren Herzen gehört hingegen jedem ganz allein. Das macht uns einzigartig und unverwechselbar. Selbst, wenn die Idee zu feiern, vielfach ein und dieselbe ist.

 

Apropos: Unser Termin darf bleiben wie er ist. 08.08. Glücklicherweise lieg er nämlich in einem anderen Jahr!

 

Eure Anni