Annis Welt (Teil 5)

Jedes Brautkleid ist doch "schön"!

 

Will man denn die Wahrheit wissen, wenn sich mit der Lüge doch viel leichter leben ließe? Und gibt es nicht sogar den Fall, dass Wahrheit oder Lüge ganz im Auge des Betrachters liegen? Anni kommt beim Einkaufen ins Grübeln und stellt fest, dass selbst das Finden eines Brautkleids nicht ganz ohne philosophischen Background geht.

 

Da stehe ich mit meiner Freundin Hanna in unserer Lieblingsboutique. Über meinem linken Arm ein schlichtes Etuikleid in Dunkellila, in der rechten Hand einen farblich passenden Bolero, vor mir das Regal mit den Strümpfen.

»Findest du das dunkle oder hellere Gelb besser?«, will ich wissen.

»Wozu?«

»Hier, zu dem Kleid!«

»Da frag’ mich besser nicht. Ich finde gelbe Strümpfe und lila Kleid prinzipiell daneben«. Spricht’s und dreht sich weg.

»Aber wieso denn? Das trägt man jetzt. Die Schaufensterpuppe hat’s auch an!«

Noch hört sich mein aufmüpfiger Einspruch gegenüber Hannas Modestatement überzeugt an, zumal von der festen Absicht getrieben, dass ich - mit welchem gelben Strumpf auch immer - gleich in der Umkleidekabine verschwinden werde, um alles anzuziehen. Bis ich, kaum vernehmbar, Hanna vor sich hinbrummeln höre: »Die kann’s ja auch tragen.«

Rumms. Einen Augenblick lang überlege ich, ob ich mich vielleicht verhört habe. Dann grummelt mein angepiekstes Ego doch zu heftig, als dass ich es noch ignorieren könnte.

»Und ich kann’s also nicht tragen?« maule ich.

»Weiß nicht. Ich find’s halt einfach schräg.«

»Wegen der Farben?«

»Überhaupt. Für so was brauchst du die Figur. Du musst der Typ dazu sein.«

Hanna ist es schnurzegal, dass sie sich damit um Kopf und Kragen redet. Eigentlich mag ich sie ja auch gerade wegen ihrer manchmal schonungslos direkten Art. Und trotzdem will ich jetzt nicht hören, dass mir die Figur für ein lächerliches bisschen Mode fehlt.

»Du bist für mich nicht Kleidchen, Pumps und Strümpfe. Du bist nicht die ‘Madame’, du bist viel lässiger«, sagt sie.

»Gut, dann werd’ ich nächstes Jahr bestimmt in Jeans und Pulli heiraten.«

Ich stapfe Richtung Umkleide, den hellen- und den dunkelgelben Strumpf dabei. Erst vor ein paar Tagen habe ich Hanna in der Zeitschrift dieses Brautkleid gezeigt. Sehr »Madame«, eigentlich geradezu divenhaft. Aber - an dem Model einfach toll. ‘Wie gefällt dir das?’, habe ich sie noch gefragt. Und ein bestätigendes ‘schön’ erhalten. Was ich davon jetzt wohl halten soll? Wird man als Braut nicht nur zu einer völlig »neuen« Frau (wie alle sagen), sondern von den Menschen auch noch anders beurteilt? Schonender vielleicht? Womöglich angelogen? Weil einer Braut halt keiner mehr die Freude nehmen mag? Noch nicht mal dann, wenn sie sich outfittechnisch absolut vergreift? Das lila Kleid sieht in der Tat extrem daneben aus. Auch ohne gelbe Strümpfe habe ich nicht die Figur dafür. Ich muss mir eingestehen, dass Hanna das Desaster vor mir sah.

Bedächtig lege ich die Teile wieder weg. Wie würde ich wohl reagieren, wenn mir meine beste Freundin ihre Meinung so direkt in einem Brautgeschäft entgegenschleudert? In einem Augenblick vielleicht, in dem ich voller Freude, Stolz und innerer Ergriffenheit ein Brautkleid präsentiere, das ich aus tiefster Überzeugung für das einzig Wahre halte? Will ich dazu überhaupt einen Kommentar - selbst wenn er angebracht und begründet wäre? Noch während ich so vor mich hinsinniere, steht Hanna plötzlich in diesem grauenvollen Pulli vor mir.

»Ist der nicht genial?«, strahlt sie.

»Scheußlich!«, habe ich schon auf den Lippen. Aber ich sage es nicht. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet jetzt die Worte meiner lieben Oma höre. »Das ist doch ganz egal, wie andere dich sehen«, hat sie immer gesagt, wenn ich im Zickenkrieg auf unserem Schulhof mangels neuester Markenschuhe mal wieder ohne Chance auf Gruppenakzeptanz schien. »Hauptsache, du kannst dich selbst sehen.« Womit sie wohl ‘mögen’ und einfach ‘so sein wie man ist’ meinte. Ich weiß, wäre sie noch unter uns, dann würde sie mit einem Lächeln auf den Lippen auf einem Stuhl im Brautshop sitzen und mich in jedem Kleid, das ich ihr zeige, für die Schönste überhaupt erklären. Und das aus tiefstem Herzen auch so meinen. Langsam wird mir klar, dass ich die Meinung anderer zwar durchaus gerne hören möchte, am Ende aber selbst entscheiden werde. Bei gelben Strümpfen zum lila Kleid genauso wie bei meinem Brautkleid. Hanna darf mich dazu sicher bald begleiten. Ich werde ihre Meinung wohlwollend prüfen, aber (dem gräßlichen Pulli sei dank!) nicht mehr für das Maß der Dinge in Sachen Brautästhetik nehmen!

 

Eure Anni