Annis Welt (Teil 19)

Jenseits der heilen Hochzeitswelt (1)

 

Was gut ist, sollte einfach bleiben wie es ist. Wozu auch was verändern, wenn es perfekt funktioniert? Das denkt auch Anni, weshalb es völlig klar ist, dass ihre Schwester Paula mit zum Brautkleidkaufen kommt. Schließlich sind die beiden Shoppingprofis. Komisch nur, dass Annis Welt derzeit selbst Vertrauten ein wenig fremd vorkommt ...

 

Never change a winning team! So logisch das auch klingen mag - die Regel, dass es keine Regel ohne Ausnahme gibt, gilt ausnahmslos auch hier. Denn dass sich innerhalb von homogenen Partnerschaften Kräfteverhältnisse und Prioritäten durchaus ändern können, ist Fact. Und schon hat das postwendend Einfluss aufs Ergebnis. Nehmen wir meine Schwester Paula und mich. Wir beide sind, seitdem ich ohne Hilfe auf zwei Beinen stehen und sie glucksend Konsonanten sprechen kann, ein winning team. Paula ist gerade ein Jahr jünger als ich. Sie steht mir nah wie niemand sonst, kennt meine Geheimnisse wie ich ihre. Paula und ich sind eins. Wir verstehen uns blind. Einer spielt dem anderen die Bälle zu, der versenkt sie, Tor! Ein winning team eben. Ich hatte keine Ahnung davon, dass wir mal nicht dasselbe denken könnten. Warum auch. War ja niemals so, bis zu diesem Tag ...

 

Ein Freitag Nachmittag, den ich, wie so oft in letzter Zeit, mit meiner Lieblingsbeschäftigung verbringe: Brautkleid-Kataloge wälzen. Also sitze ich auf der Couch in unserem Wohnzimmer inmitten einer hügeligen Papierlandschaft aus aufgeschlagenen Zeitschriften. Ich liebe das: mal hier blättern und mal da, das eine mit dem anderen vergleichen, mir vorstellen wie ich in diesem Kleid und dann in diesem aussehe, was ich an welchem vielleicht verändern würde und davon träumen, dass ich gleich ganz viele, ganz unterschiedliche, ganz kostbare von diesen Zauberwerken mein Eigen nenne. Dann klingelt es und Paula steht in der Tür. Wir waren nicht verabredet, aber das ist nichts Ungewöhnliches bei uns. Sicher hatte sie nicht vor, sich mit mir ins Braut-Phantasia-Land zu begeben. Sie folgt mir ganz einfach. Weil ich darin gefangen bin. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf:

»Das sieht doch einfach Hammer aus«, halte ich ihr Heft eins unter die Nase. Auf eine Antwort warte ich nicht.

»Ist so ähnlich wie das hier. Aber irgendwie anders. Ich weiß gar nicht warum. Aber das erste gefällt mir besser«, sage ich mit Ausriss zwei als Beleg in der Hand.

»Aber weißt du was - fürs Standesamt finde ich das dann doch zu üppig. Da wär doch eigentlich was Schlichteres viel angebrachter. Das hier!« Katalog drei folgt zur Beweisführung.

»Oder das hier«. Katalog vier. »Nein warte, gestern habe ich noch was Geiles gesehen.« Ich lege Paula Kataloge fünf, sechs, sieben und acht auf den Schoß, die mit dem gerade Erwähnten allenfalls das zu tun haben, dass sie mit der Zusammenführung auf ihren Beinen vielleicht den Blick auf das tatsächlich Gesuchte erleichtern. »Fantastisch oder?« Jetzt liegt Prospekt neun aufgeschlagen obenauf. Den Moment meines andächtigen Schweigens hätte Paula eigentlich nutzen müssen, um meinem Treiben Einhalt zu gebieten. Sie ist zu langsam. Die Euphorie hilft, dass ich meine Fassung schneller wiederhabe.

»Aber für die Kirche ist das irgendwie zu wenig. Sieht super elegant aus. Aber ich brauche dann was ‘mit noch mehr Braut’. Verstehst du, was ich meine?« Spätestens jetzt hätte sie »Ja« sagen sollen (damit ich meinen Mund halte) oder »Lass gut sein Anni, ich hab da grad keinen Kopf dafür« (damit ich ebenfalls still bin). Tut sie aber nicht. Was mich ungehindert die Kataloge zehn, elf und zwölf zum Vorschein bringen lässt. Und Ausriss dreizehn. Darauf ist sowieso mein Lieblingsteil!

»Das ist mein totaler Favourite. Dieser Ausschnitt. Der Glitzer. Die Schleppe. Und weißt du was? Die haben das Kleid in dem Geschäft, wo wir beide nächsten Samstag sind!!!«

»Wie? Was meinst du, wo wir beide sind?«

Zum ersten Mal seit einer gefühlten halben Stunde sagt Paula was. Und wie sie’s tut, gefällt mir gar nicht. Wo ist da die Begeisterung? Warum freut sie sich nicht so wie ich? Es muss doch auch für sie das Größte sein, endlich in so ein Geschäft zu dürfen.

»Es war doch klar, dass du zum Brautkleidkaufen mitkommst ...«, sage ich.

»Im Prinzip schon - nur will ich das vielleicht auch vorher wissen!«

»Ist doch vorher ...«

»Merkst du nicht, dass es noch was anderes neben deiner heilen Hochzeitswelt gibt?«

Rumms. Der Stapel Kataloge platscht von Paulas Knien als sie einfach aufsteht und mich wortlos stehen lässt. Für den Moment ist mein rosa Wedding-Globus gar nicht mehr so rosa. Wen sonst als sie sollte ich zu diesem für mich wichtigen Termin wohl mitnehmen wollen? Mir fällt niemand ein. Sie ist doch mein winning partner. Und bis nächsten Samstag sind es nur acht Tage. Mal schau’n wie’s weitergeht. Ich erzähl’ es euch beim nächten Mal!

 

Eure Anni