Annis Welt (Teil 20)

Jenseits der heilen Hochzeitswelt (2)

 

Als Braut hat man es wirklich nicht leicht. Man lebt, trotz gleichem Umfeld, in einer völlig anderen Welt. Die kann nicht jeder der »Normalos« gleich verstehen. Früher oder später aber doch. So entdeckt es Anni beim Brautkleid-Shopping mit ihrer Schwester Paula. Teil 2 der Geschichte um Alltagsroutine und den rosaroten Ausnahmezustand.

 

Seitdem mich Paula vor drei Tagen in meiner regenbogenschillernden, heilen Blubber-Blasen-Braut-Welt so achtlos zurückgelassen hat, ist Funkstille. Als wäre ein eisiger, von Gleichgültigkeit getriebener Wind durch meine Freudenlandschaft gefegt, hätte das rosa Spotlight einfach ausgeknipst und die Mauern meiner Luftschlösser nicht nur zum Wanken, sondern gleich brachial zum Einstürzen gebracht. Schönen Dank auch, Schwesterherz! Bis heute kann ich nicht so recht verstehen, was da eigentlich passiert ist. Ihr erinnert euch? Paula und ich. Ein Herz und eine Seele. Zwei Schwestern, ein winning team. Und jetzt? Ich (eine Braut) und Paula (eine Frau). Die Begegnung einer Wolkensurferin aus Himmel sieben mit der Alltagsakrobatin auf dem Boden der Tatsachen. Ein Zusammenprall der Welten. Glücksbesessen und hormonverwirrt auf der einen Seite, realitätsgesteuert und sinnesgebremst auf der anderen. Das kann nicht gut gehen, oder? Ich frage mich, wie viele Freundschaften wohl in der Zeit zerbrechen, in der eine Frau, dem Hochzeitssog erlegen, ins Braut-Parallel-Universum entgleitet. Ja, sie hat schon was, diese so perfekte Welt mit Dauersonnenschein, Gute-Laune-Garantie, all den so unwiderstehlichen Verführungen an sämtlichen Ecken und Enden und der magisch anziehenden Aussicht auf einen allerallerschönsten Tag im Leben. Aber zu welchem Preis? Doch nicht zu dem, dass von einem winning team am Ende zwei Verlierer übrigbleiben! Das wäre allerdings der worst case und ich weigere mich, ihn so zu akzeptieren! Eigentlich wollte ich mit Paula doch nur ein Brautkleid kaufen gehen. In fünf Tagen ist mein Termin dafür. Und ganz ehrlich: Ich habe nie einen Zweifel daran gehegt, dass der Aufenthalt im Anziehstübchen für Prinzessinnen auch für Nichtbräute ein Erlebnis ist, das sie um nichts in der Welt gegen irgend ein anderes tauschen möchten. Aber offensichtlich lag ich falsch. Während Menschen wie ich (also Bräute) in einer Endlosschleife Hochzeitsphantasien empfangen und aussenden können, wirkt das auf andere (keine Bräute) reizüberflutend und macht sie dauerthemageschädigt. Auch auf die Gefahr hin, dass Paula mich des zu erwartenden Gesprächsinhalts wegen wegdrückt - ich muss sie anrufen. Und ich habe Glück:

 

»Hallo Anni«, meldet sie sich.

»Hey Paula. Wir sind am Freitag so blöd auseinandergegangen. Das tut mir leid. Ist alles ok mit dir?«

»Klar, alles wie immer. Keine besonderen Vorkommnisse. Keine besonderen Aussichten.« Das hört sich noch immer ein bisschen gereizt an, aber immerhin scheint Paula gesprächswillig.

»Ich wollte dich nochmal fragen, ob du Samstag Zeit hast, mich zu begleiten? Dieses Brautkleid zu kaufen ist echt wichtig für mich. Und genauso wichtig ist mir, dass du dabei bist.«

»Weißt du, Anni, klar wollte ich mit. Ich freue mich doch mit dir. Aber irgendwie wird’s manchmal echt zuviel. Du hast kein anderes Thema mehr. Du bist doch gar nicht so ... - ach, ich weiß auch nicht.«

So was? Eine gute Frage. Wie bin ich eigentlich? Anni, der Mensch? Ich mag mit meinen Freunden zusammensein, Sport machen, was erleben. Ich kann stundenlang quatschen (früher sogar über andere Themen als Heiraten). Ich denke, ich bin eigentlich unkompliziert. Praktisch veranlagt. Ein Kumpel-Typ. Auf keinen Fall eine Tusse. Keine Stöckelschuhklapperin, keine Spängchenträgerin, keine Schleifchenbinderin. Ich bin doch eigentlich gar nicht so ... So gefühlsduselig. So kitschig. So romantisch. So ROSA! So bin ich nicht. Eigentlich ...

»Tut mir leid, wenn ich’s übertrieben habe«, sage ich. »Ich bemühe mich um Besserung, in Ordnung? Garantieren kann ich’s nur leider nicht, dass es auch wirklich klappt ... Was meinst du - schaffst du’s, mitzukommen? Ich möchte beim Brautkleid wirklich deinen Rat ...«

 

Fünf Tage später bin ich nicht alleine. Paula betritt an meiner Seite das Fachgeschäft. Ich bin unendlich aufgeregt. Aber ich versuche tapfer, es nicht zu zeigen. Schön ruhig atmen! Nicht die Stimme überschlagen! Einen Moment lang halte ich stand. Dann wirkt das Umfeld. Wie mit einem gewaltigen Sog nimmt es mich mit auf die »andere Seite«. Mir gefällt dieses Ambiente. Ich mag die Eleganz, die Anmut, den Glitzer, das Prachtvoll-Übertriebene. Ich mag das Rosa! Und jawohl - ich mag es, Braut zu sein!

»Hast du das Kleid auf der Puppe gesehen?«, stößt mich Paula von der Seite an. Da steht sie. Mit weit geöffneten Augen und einem verklärten Blick. So fasziniert wie ich. So gefangen wie ich. So Frau wie ich. Und irgendwann einmal bestimmt auch so Braut wie ich!

 

Eure Anni