Annis Welt (Teil 8)

Party für jeden!

 

Am Hochzeitstag möchte man am liebsten die ganze Welt um sich herum scharen. Zumindest aber die, die man eingeladen hat. Dass es dabei interfamiliär zu kontroversen Diskussionen kommen kann, stellt Anni fest. Bleibt die naheliegendste der Lösungen: also doch die ganze Welt beglücken! Warum nicht, wenn man sich’s leisten kann ...

 

Es ist ein Mittwoch, kurz vor 23 Uhr. Ich weiß nicht, ob es an diesem Tag liegt, der einem mitten in der Woche das Gefühl gibt, nach reichlich Arbeitsstress schon völlig ausgemergelt zu sein, während das rettende Wochenende noch in unerreichbarer Ferne scheint. Meine Stimmung ist jedenfalls nicht die beste. Selbst eine Stunde Stepp-Workout mit dröhnender Gute-Laune-Bumm-Bumm-Beat-Begleitung konnte heute nichts daran ändern. Hauptsache der Tag vergeht. Was im Fernsehen läuft, kommt gar nicht bei mir an. Ich hänge schepp auf unserem Sofa und starre abwesend in die Klotze. Und während ich so überhaupt nichts mit mir anzufangen weiß, trifft mich die Bemerkung meines Liebsten so unerwartet wie ein unangekündigter Besuch meiner Schwiegermutter am Sonntagmorgen.

»Ich denke, wir sollten Caroline auch einladen«, sagt Andreas.

»Was bitte?«, noch bin ich - unwissend, wohin das Gespräch bald führen sollte - gleichgültigzurückhaltend.

»Die Halbcousine meiner Mutter. Sie sollte auch zu unserer Hochzeit kommen.«

»Wie kommst du denn jetzt darauf? Wir haben unsere Gästeliste doch besprochen.« Irgendetwas sagt mir, dass hier Vorsicht geboten ist. Unleidig bin ich nach wie vor. Aber plötzlich hellwach-unleidig. Eine gefährliche Kombination!

»Ich finde schon, dass wir aus unserer Familie niemanden vergessen sollten.«

»Aha. Und wer bitte ist Caroline?«, frage ich.

»Gehört zur Verwandtschaft meiner Mutter.«

»Und wann habe ich sie zuletzt getroffen?«

Kurzes Schweigen. Andreas’ »du hast sie noch überhaupt nie getroffen« hört sich ein wenig kleinlaut an.

»Aber DU kennst sie schon - oder?« Es wäre ja absurd, wenn nicht. Allerdings hängt irgendwie dem ganzen Gespräch etwas Absurdes an.

»Na ja, meine Mutter meinte ... «

Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Und ich hätte früher erraten können, aus welcher Richtung wohl! Dass meiner Schwiegerplanenden noch ein paar abweichende Details zu unseren Vorstellungen einfallen würden, kam im Grunde später als erwartet.

»Ich finde es wichtiger, was du meinst«, sage ich. Und was ich selbst meine. Das wiederum sage ich nicht. Andreas scheint es trotzdem zu hören. Sein krätziger Unterton verrät ihn.

»Was ist denn daran wieder auszusetzen?«, schimpft er. »Du wolltest doch immer ‘gaaanz groooß’ feiern!«

Das stimmt. Nur dachte ich ans Feiern mit Menschen, die mir entweder bereits bekannt sind oder deren familiäre oder freundschaftliche Nähe in Zukunft zu erwarten ist. Nach hartnäckigem Nachfragen gelingt es mir zu recherchieren, dass Caroline eine »flotte« Endfünfzigerin ist, deren Hobbys Golf spielen und Pauschalreisen sich (noch) nicht auf dem Radarschirm meiner Interessen befinden. Wäre es verfrüht zu sagen, dass wir deshalb nicht unbedingt auf dem direkten Wege darauf zusteuern, die engsten Busenfreundinnen zu werden? Immerhin wird die Hochzeit ihrer Tochter im vergangenen Jahr zur Verbindungsachse zwischen uns. Andreas und ich waren nicht geladen, aber - Überraschung! - Schwiegermama nebst Gatten. Offensichtlich steht hier die Revanche bevor. Das Rückmatch, ausgetragen auf unserem(!) Hochzeitscourt. Es könnte mir ja gleich sein, wer uns dazu den Applaus spendiert. Aber irgendwie möchte ich das Publikum doch selbst auswählen. Hier bin ja wohl noch immer ich die Herrin über alle Eintrittskarten und bestimme frei, an wen sie dann verteilt werden. Wenigstens über die meinen. Andreas ist der Herr der anderen Hälfte. Vielleicht sollten wir das verfügbare Kontingent einfach aufstocken. Dann könnte ich den Schwippschwager meiner Tante dritten Grades väterlicherseits ja auch noch einladen.

»Kennst du eigentlich Hubert?«, frage ich und brauche dem verwirrt-fragenden Gesicht zufolge nicht mal auf die Antwort warten. »Der steht auch noch nicht auf unserer Gästeliste.«

»Muss er denn?«, versucht es Andreas.

»Natürlich, gehört zur Verwandtschaft!«

Langsam aber sicher gefällt mir der Gedanke, dass unser Fest zur Riesensause wächst. Und der Gedanke hinter dem Gedanken noch viel mehr. Andreas bringt ihn auf den Punkt: »Aber wer soll das denn bezahlen?«

»Na der, dem daran liegt«, sage ich und lehne mich entspannt zurück. Im Fernsehen läuft Comedy. Ich drücke auf die Lauter-Taste unserer Fernbedienung. Diskussion beendet. Und ich bin plötzlich bester Laune, um lachen zu können. Übers Programm, den kleinen Planungs-Exkurs und aus Vorfreude auf unseren großen Tag. Mit ganz vielen Gästen. Dank Schwiegermama. Die sicher noch Gesprächsbedarf hat - und zwar diesmal mit mir!

 

Eure Anni