Annis Welt (Teil 16)

Sammeln für den guten Zweck

 

Es ist ein guter alter Brauch, die Brautschuhe Pfennig für Pfennig zu bezahlen. Seit wir den Euro haben, macht man’s halt mit Cents. Auch Anni hält es mit der Tradition. Dass es dafür einer gewissen Sammelleidenschaft bedarf, ist durchaus logisch. Allerdings möchte nicht gleich jeder überführt sein, einem komischen Hobby zu frönen ...

 

Niemals würde ich mich selbst als »Sammlerin« bezeichnen. Briefmarken, Goldmünzen, Panini-Sticker? Bloß nicht! Ich bin mir sicher: Alben kommt von albern. Auch das Anhäufen von Mokkatassen, Blumenuntertöpfen oder Plüschteddys macht in meinen Augen keinen Sinn. Also lass ich das. Meinen Freund habe ich ja glücklicherweise schon kennen gelernt. Ich muss also auch niemanden mehr mit der Aussicht auf einen exklusiven Einblick in eine seit Jahren mühsam zusammengetragene Schlüpfer-Kollektion in meine Wohnung locken. Denn dort befindet sich - Hand aufs Herz - nur, was ich wirklich brauche! Jede andere Behauptung kommt einer groben Verfälschung von Tatsachen gleich.

 

»Schau mal Anni«, strahlt meine Mutter. »Seit zwei Wochen bezahle ich nur noch mit Scheinen. Du glaubst gar nicht, was man da an Cents anhäuft. Hier: Alle für deine Sammlung!«

Was bitte? Ein Cent-Stücke-Sammlung? Ich muss doch schon sehr bitten! Mürrisch halte ich beide Hände auf und lausche mit zunehmenden Vergnügen wie klimpernd ein kleines Vermögen hineinrasselt. Wow! Ich sollte mich beherrschen, damit meine Augen nicht genauso strahlen wie die meiner Mutter. Der Korrektheit wegen: Ich sammle diese Münzen nicht. Ich spare! Auf meine Brautschuhe nämlich! Einen Moment lang bin ich unentschlossen, ob ich den ganzen Betrag in das riesige Einweckglas mit Schraubverschluss werfe, das auf meinem Küchenregal wartet. »Für meine ersten Brautschuhe« steht auf dem blümchenverzierten Etikett. Mittlerweile ist das Glas schon halb voll. Keine Ahnung, welchen Wert es wohl beinhaltet - jedenfalls sieht es bei der Größe des Behälters ziemlich beeindruckend aus. Alternativ könnte ich natürlich auch mein Schweinchen im Schlafzimmer füttern. Ich liebe es - wie es da auf seinem dicken Hintern sitzt, sich die runde Plautze zwischen gelb bestiefelten Füßchen wölbt und es mit seinem roten Käppi zwischen den Porzellanohren zufrieden vor sich hingrinst.

»Ich freu’ mich schon, wenn du da mit dem Hammer draufhaust«, hat mein Freund Andreas erst kürzlich gesagt. Schon klar, dass er es kitschig findet. Aber darauf, dass ich es im Mülleimer begrabe, wird er lange warten können. Mein Schweinchen wird seine Schätze - für seine Gesundheit völlig unbedenklich - durch den Geheimausgang, auf dem es breitbeinig sitzt, flutschen lassen, damit ich mir davon Brautschuhpaar Nummer zwei kaufen kann. Das dritte Sümmchen - für Paar drei - sammelt sich in meinen Holzschatullen im Wohnzimmer an. Ob acht verschiedene Boxen schon einer »Sammlung« gleichkommen? Egal!

 

»Soll ich dir das Glas aus der Küche bringen?«, reißt mich meine Mutter aus den Gedanken.

»Nein, lass es uns da reintun«, ich deute auf eines der Kästchen mit den handgeschnitzten Deckeln. »Auf die Schuhe zum Tanzen muss ich noch am meisten sparen.«

Ganz richtig, ich brauche drei Paar Brautschuhe. Nicht, weil ich sie sammle, sondern aus gutem Grund: Eins fürs Standesamt, eines für die kirchliche Trauung und eines für die Party. Vielleicht sollte ich sogar noch über ein viertes nachdenken. Ein Ersatzpaar zu haben wäre ja nicht dumm. Es könnte schließlich regnen. Ein Paar wird vielleicht schmutzig. Auch Absätze brechen ja schnell mal. Wo ist denn gleich nochmal der Spar-Leuchtturm, den ich aus unserem Rügen-Urlaub mitgebracht habe? Bevor ich auf die Suche gehen kann, klingelt es. »Hallo Anni!« Meine beste Freundin Hanna lacht mir entgegen. »Ist mir gestern wieder unter die Finger gekommen: Meine komplette Planungssammlung.« Schon steht sie im Wohnzimmer und packt einen beachtlichen Stapel auf meinen Tisch: Hochzeitszeitschriften, Brautkleiderkataloge, Ordner, Mappen - ein unglaubliches Sammelsurium an Weddingtools, Locationvorschlägen, Dekoideen, Hochzeitsbasteleien, ... Das reinste Schlaraffenland für Frauen im Brautstatus.

»Nur geliehen«, sagt sie bedeutungsvoll. »Ich möchte die Dinge schon gerne behalten. Der schönen Erinnerungen wegen. Aber vielleicht hilft dir ja das eine oder andere.«

Hanna hat das Planungschaos längst hinter sich gelassen und trägt einen Ehering stolz am rechten Finger. Ich war ihre Trauzeugin. Und ihre Hochzeit war der helle Wahnsinn. Traumhaft schön. So wünsche ich mir das für meine Feier auch. Ein Grund, Hanna nachzueifern. Auch wenn ich das gar nicht mit Absicht mache. Die Kartons unter meinem Bett hatte ich ja schon vor Hannas Offenbarung: voll mit Zeitschriften, Katalogen, Mappen, Ideen, Heftausrissen. Keine Sammlung, sondern mein persönliches Braut-Schlaraffenland. Ich sammle schließlich nicht. Allenfalls das, was ich wirklich brauche ...

 

Eure Anni