Annis Welt (Teil 17)

Träume über Träume!

 

Mit Hochzeitsträumen ist das wie mit einem Schaumbad. Es macht Spaß, darin einzutauchen. Je höher die Seifenblasenberge, desto besser. Deshalb kippen wir ja möglichst viel der duftenden Essenz ins Wasser. Dumm nur, wenn man am Ende vor lauter Schaum nicht mehr klar sehen kann. Ganz genau so geht es Anni mit dem Brautkleid:

 

Kronprinzessin Victoria haut mich vollkommen um. Elektrisiert sitze ich vor dem Fernseher und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus: diese Anmut, diese Ausstrahlung, dieses Kleid! Ich will das auch! Ich will Prinzessin sein! Eine Prinzessin wie sie - mit dem Style von heute: stilvoll, elegant, erwachsen. Dieses perlweiße, absolut pure Kleid mit dem schulterfreien Umschlagkragen und der nicht enden wollenden Schleppe aus feinstem Seiden-Duchesse setzt einen Meilenstein an Hochzeitseleganz. Seine Strenge hat das gewisse Etwas. Ja, das ist es! So werde auch ich vor den Altar flanieren. Die spontane Telefonkonferenz mit meiner Mutter bestätigt mich: »Wunderschön!«, flötet sie. »Zauberhaft!« Während im Hintergrund der Live-Kommentar jeden Schritt der schwedischen Kronprinzessin so leise begleitet, als bestünde die Gefahr, Victoria könne den Reporter hören, steht für meine Mum schon fest: »So ein Kleid würde dir super stehen!« Auch ich bin hin und weg. Auf der Styleliste, die ich für den Besuch im Brautmodengeschäft angelegt habe, steht am Abend: schlicht, pur, königlich. Zufrieden gehe ich ins Bett.

 

Meine Begeisterung hält exakt für eine Woche. Dann fallen mir beim Blättern in einem People-Magazin die Augen raus: Ich sehe Megan Fox bei ihrer Hochzeit - barfuß am Strand von Hawaii in einer trägerlosen Chiffonrobe, deren fünf Meter lange, duftig leichte Schleppe gemeinsam mit dem Mega-Schleier fast schwerelos in der pazifischen Meeresbrise weht. So sanft, so weiblich, so sinnlich. Action meets Romantik! Eine wirklich toughe Frau, die ihre weiche Seite zeigt. Traumhaft schön - ich bin verliebt! In diesen unwiderstehlich femininen Anblick und diesen tollen Look! Tut mir leid, Victoria. Es lebt wohl eher Megan in mir. Also beginne ich, Brautkleidkataloge nach eben solchen Kleidern zu durchforsten. Innerhalb von drei Tagen habe ich zig gelbe Zettel in zig Broschüren kleben und einen Stapel Ausdrucke von meinen Internetrecherchen neben mir liegen. Schlicht, pur, königlich sind gestrichen. Stattdessen steht da: sinnlich, sanft, fließend. Hurra! Ich werde Hollywoodstar! Auch meine Mutter ist überzeugt: »Toll!«, schwärmt sie. »Das sieht ja so weiblich aus! Ich kann’s gar nicht mehr erwarten, dich auch so zu sehen!«

 

Leider bin ich nicht schnell genug. Noch ehe ein Termin im Brautshop steht, flimmert die nächste Traumhochzeit über den Bildschirm. Claudia Lahm sitzt neben ihrem Fußballgatten in einer Pferdekutsche und trägt, wovon Millionen Mädchen träumen: ein wahrhaft prachtvolles Prinzessinnen-Kleid. Sie sieht aus wie eine Hochzeits-Barbie. Und ich möchte sofort mitspielen! Perlen, Glitzer, Bauscherock. Das ist doch das, was Brautherzen zum Pochen bringt! Meine Beratungs-Mum ist mit mir eins, als sie die »Beweisfotos« aus der Tageszeitung auf meinen Küchentisch legt: »So ein Kleid kannst du nur einmal im Leben tragen, Anni!«, sagt sie geradezu ermahnend. »Die Gelegenheit bekommst du nicht mehr wieder.« Das Fazit ist schnell gezogen: Sinnlich, sanft und fließend waren gestern, ab sofort steht auf meiner Styleliste: festlich, glamourös, glitzernd.

 

Immerhin bleibt diese Überzeugung fast zwei Wochen, nämlich solange bis Chelsea Clinton neben Papa Bill in einem Kleid aus elfenbeinfarbenem Seidenorganza die Hochzeitsbühne betritt. Korsage, in Wellenform geraffter Reifrock und breites, kristallbesetztes Gürtelband - die Flügel meiner Weddingträume tragen mich sofort in eine neue Richtung. Das sieht modern, selbstbewusst, stylisch aus. Und ich fange langsam an zu zweifeln. Zwischendrin haben mich schließlich noch Sängerin Alicia Keys und TV-Schauspielerin Jessica Boehrs ins Wanken gebracht und weitere Schlagworte wie »asymmetrisch, sexy, tailliert« sowie »klassisch, bestickt, verspielt« in meinen Vorstellungskatalog vom perfekten Brautkleid gemeißelt. Sechs Wochen dauerte es gerade mal bis ich vom königlichen Schick einer Victoria bis zur selbstbewussten Grazie einer Chelsea sämtliche Zwischentöne auf der Gefühlsklaviatur für Brautanwärterinnen angestimmt habe. Und am Ende eigentlich nicht mehr weiß, wo mir der Sinn steht. Mein Sammelordner platzt aus allen Nähten und je mehr ich an Infos hineinzustopfen versuche, desto weniger weiß ich.

 

»Bin ich für dich Victoria, Megan, Claudia oder Chelsea?«, frage ich meine Freundin Hannah.

»Du bist Anni!«, antwortet sie kopfschüttelnd.

Welche Auswirkungen diese Erkenntnis auf die Wahl meines Brautkleides hat, weiß ich noch nicht. Wer kann schon damit rechnen, dass die Suche nach dem Hochzeitslook einer Reise zum inneren Ich gleicht? Ich lass’ es euch wissen, wenn ich angekommen bin!

 

Eure Anni