Annis Welt (Teil 3)

Ups, wo will die Vorfreude hin?

 

Wie heißt es so schön: Vorfreude ist die schönste Freude! Ob sich da der Autor dieser Weisheit mal nicht vertan hat ... In Annis Welt zumindest nimmt die vorhochzeitliche Euphorie eine überraschende Wende. Letztlich kann man eben doch nur wahrhaft genießen, was man schon hat. Es sei denn, gute Freunde beweisen einem das Gegenteil ...

 

Noch vor mir heiratet meine Freundin Hanna. Ich finde das nicht unpraktisch, weil ihre und meine, also »unsere« Hochzeit so schon seit eineinhalb Jahren unser Lieblingsthema ist und ich eine Menge von Hannas Planung, Pannen und Panik lernen kann. Noch vor zwei Jahren haben wir herumgescherzt, wer wohl seinen Heiratsantrag als erste bekommen würde. Hannas Freund Sebastian war schneller. Und ich sauer. Irgendwann bin ich ja selbst auf die Knie gegangen, wie ihr wisst, sonst würde ich vermutlich heute noch warten, endlich gefragt zu werden. Mittlerweile empfinde ich mich Hanna gegenüber in jeder Hinsicht im klaren Vorteil. Während es noch immer eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, auf der Suche nach dem traumhaftesten aller Brautkleider in Zeitschriften und Katalogen zu blättern und das Internet rauf und runter zu surfen, um Hanna fast täglich eine neue Number One zu präsentieren, merke ich, wie sie zusehends die euphorische Leichtigkeit verliert.

 

»Mhm«, sagt sie, als ich ihr mein neuestes 1000-Punkte-Brautkleid unter die Nase halte. Ok. Hanna braucht nicht zu glauben, sie könne meine glühende Begeisterung so einfach mit einer Ladung emotionalen Eiswassers ablöschen.

»Gefällt dir nicht?«, frage ich mit nach wie vor breitmaulfroschtauglichem Grinsen im Gesicht.

»Doch«, nölt sie.

Pause.

»Meinst du, ich habe mich für das richtige Kleid entschieden?«

Aha, daher weht also der Wind. Irgendwie kann ich schon nachempfinden, wie blöd es sich wohl anfühlen muss, wenn Schönheit nicht einfach aufhört, obwohl man doch glaubt, die allerschönste ihrer vielen Seiten, abholbereit im Brautgeschäft, längst für sich reserviert zu haben.

»Hallo?«, sage ich. »Es ist das Beste überhaupt! Leihst du’s mir für meine Hochzeit?«

Wie schön: Hanna lacht mal wieder! Und ich frage mich, ob es wohl eine Vorhochzeitsdepression gibt. So etwas wie einen Hochzeitsblues. Hanna hat noch vier Wochen. Und langsam bricht bei ihr die Hektik aus. Obwohl doch alles längst schon unter Dach und Fach ist. Hanna ist eine große Planerin vor dem Herrn. Bei weitem nicht so chaotisch wie ich. Sondern organisiert und gewissenhaft. Noch etwas, was ich von ihr lernen kann. Trotzdem scheint sie jetzt der Zweifel zu packen.

»Was ist denn mit dir?«, frage ich.

»Weiß auch nicht. Vielleicht wird das alles gar nicht so, wie ich’s mir vorstelle.«

»Quatsch! Warum denn nicht!«

»Weil ich es irgendwie immer so perfekt möchte. Und komm schon: Was bitte ist perfekt im Leben?«

»Eine Hochzeit?«

»Dich will ich sehen, wenn du kurz davor stehst!«

Ja, im Augenblick habe ich wohl gut reden. Trotzdem hätte ich nicht einen Augenblick damit gerechnet, dass die Vorfreude eine Schattenseite hat. Ich möchte Hanna gerne helfen. Ihr etwas von meiner siegessicheren Gewissheit geben, die mich gerade ihre Hochzeit mit weitaus größerer Begeisterung erwarten lässt als sie es derzeit selbst empfindet.

»Lass uns überlegen: Was wäre denn der schlimmste Fall?«, frage ich.

»Keine Ahnung.«

»Du nimmst in den nächsten vier Wochen dermaßen zu, dass du dein Kleid vier Nummern größer brauchst, in der Kürze der Zeit aber nicht bekommst und in der Jogginghose heiraten musst ...«

»Blödsinn. Außerdem habe ich noch die letzte Anprobe eine Woche davor.«

»Gut. Es regnet Striche, es hagelt Katzen, wir erleben den ersten Wintereinbruch Ende Juli.«

»Dann feiern wir halt drinnen. Deshalb haben wir doch dieses Hotel gebucht!«

»Dann vergisst Sebastian die Ringe und eure Zeremonie ist hin ...«

»Die kriegst doch sowieso du. Du bist meine Trauzeugin - schon vergessen?«

Wie könnte ich! Aber die Ringe ... Wenn ich Chaotenbraut mal nicht die einzige Schwachstelle in Hannas Hochzeitsperfektion bin. Aber das sage ihr jetzt lieber nicht. Lass’ mich in der nächsten Zeit bloß nicht ohne einen Gedanken an sie einschlafen! Und meine Wohnung mit Ring-Post-its tapezieren! Hallo Vorfreude - wo willst du hin ...? Ob alles gut gegangen ist, dann in vier Wochen!

 

Eure Anni