Annis Welt (Teil 12)

Von kleinen Hochzeitssünden

 

Die Versuchung lockt an jeder Straßenecke. Auch Anni konnte ihr nicht widerstehen. Und so blieb ihr kleiner Seitensprung nicht ungestraft. Doch Gewissensbisse helfen nicht. Stattdessen will sie’s bis zur Hochzeit wieder richten. Manchmal ist das Leben nunmal diese Sünde wert. Solange es sich dabei nur um Torten handelt ...

 

Seit gestern weiß ich es: Sahnetorten sind eine Erfindung der Modeindustrie! Eine Unverschämtheit, ein Skandal geradezu, dass ihre Designer es überhaupt noch wagen, hüftknochige Magermodels auf die Laufstege zu schicken. Denn während sie uns einerseits Gelüste auf immer wieder neue Mode-Must-haves machen, lassen sie uns auf der anderen Seite das nach süßer Sahne und fluffiger Buttercreme lüsternde Wasser im Mund zusammenlaufen, damit wir ihren Trendwerken in noch viel schnellerem Rhythmus hinterherlechzen als der fixe Kollektionswechsel das ohnehin schon vorgibt. Weil uns nämlich nicht mehr passt, was wir gerade erst gekauft haben!!!!

 

Das Drama hat für mich einen ganz konkreten Namen: Hochzeitstorte! Oh ja, man muss sie durchaus mal probiert haben, bevor man sie für ihren großen Auftritt am festlichsten aller Festtage bestellt. Und machen wir uns da nichts vor: Dass auf Erdbeer-Torten Erdbeeren liegen, die ihrerseits ja als Vertreter der Lebensmittelkategorie »Obst« ein gar nicht mal so ungesundes Image pflegen, ist ein wahrlich klägliches Ablenkungsmanöver, wenn es darum geht, den schokoladengetränkten, vanillepuddingbestrichenen Kalorienbomben-Untergrund zu kaschieren, auf den man sie in ihrem Unschuldsrot gebettet hat.

»Wollen Sie ein Stückchen kosten?«, fragt mich unser Hochzeitstorten-Bäcker mit einem (täusche ich mich etwa?) süffisanten Lächeln im Gesicht. Sei’s drum - ich will! Hmmmmuss ich noch erwähnen, wie köstlich ich es finde?

»Da hätten wir noch Sachertorte, Schwarzwälder Kirsch, Butter-Orangen-Cremetorte, Mascarpone-Haselnuss, Nougat-Preiselbeertorte, Eierlikörtorte, Apfel-Mohn-Torte, Himbeer-Joghurt-Torte, Sahnebaisertorte, Schokoladen-Cointreau-Torte, Florentiner Mandelkuchen, Tiramisu-Torte, Espresso-Biskuit, Pflaumen-Marzipan, Käsesahne, Pfefferminzcreme-Bitterschokoladen-Torte, ...« Vermutlich hat unser Konditor all seine unwiderstehlichen Speckröllchennährer noch nicht einmal so hintereinander aufgezählt. Gut möglich aber, dass ich sie Stück für Stück in eben dieser Reihenfolge just so nacheinander weggefuttert habe, ohne auch nur einen Augenblick lang mit der Wimper des schlechten Gewissens zu zucken. Erst als mich eine Stunde später die Tür zum kulinarischen Sündenfall mit ihrem leisen Ding-Dong an der Schwelle wieder aus der Schlemmerland-Hypnose riss, dämmerte mir langsam, dass der himmlischen Verführung ein böses Erwachen auf der irdischen Personenwaage folgen könnte. Ein Gedanke, der sich allerdings ganz leicht verdrängen lässt - zumal man ja der Realität der Digitalanzeige auf dem von Gewicht bis Körperfett und Wassermenge so wundersam allwissenden Gerät ganz einfach aus dem Weg gehen kann - indem man sich erst gar nicht auf es stellt.

 

Und so blieb von dem kleinen Zwischenfall zunächst mal nur die immerhin doch unter größtem Forschungseinsatz getroffene Entscheidung übrig, dass unser Hochzeitstortenkunstwerk gewagte fünf Stöcke hoch und flankiert von einer kleinen Auswahl weiterer Köstlichkeiten sein würde. - Bis ein paar Tage später ein nächster Lockruf der Versuchung via Telefon in mein eigentlich recht kaloriengeschütztes Heim drang. Am anderen Ende meldete sich der Herr der Wohlstandsringe in gewohnt bester Laune:

»Hallo Anni! Ich hätte jetzt die Marzipanrosen zur Ansicht. Bei der Gelegenheit können wir auch gleich entscheiden, welche Farbe der Zuckerguss braucht.«

Was soll ich sagen? Besuch zwei im Schlaraffenland süßer Genüsse endete, bis aufs Ergebnis (Marzipanrosen: super! Zuckerguss: passend zur Deko in Pastellrosa bis Pink), nicht anders als der erste. Da gibt es nämlich auch noch Baumkuchen, Puddingteilchen, Zwetschgenstreusel, Haselnusschaumtorte, ... . Ich erspare euch Details wohl lieber. Und stelle fest: Juchuh - ich habe keine Mehl-Allergie! Auch keine Zucker-Unverträglichkeit. Noch nicht mal eine Butter-Aversion. Von Marzipan bekomme ich keinen Ausschlag und Nougatcreme liegt mir nicht schwer im Magen. Dummerweise aber auf den Hüften. Denn über die war meine Lieblingsjeans tags darauf nicht mehr so wirklich leicht zu ziehen. Dass sich der Knopf dann erst im Liegen und selbst da nur mit tiefstmöglich eingezogenem Bauch und rekordverdächtig lange angehaltenem Atem schließen ließ, brachte auch mir die Erkenntnis, dass Sünden niemals ohne Folgen bleiben.

Eine neue Jeans kaufe ich mir trotzdem nicht. Das könnte der Torten-Mode-Industrie-Verschwörung noch so passen! Stattdessen habe ich uns zum Hochzeitstanzkurs angemeldet. Zur Bewegungstherapie - und (noch viel mehr) dem Sitz des Brautkleids wegen!

 

Eure Anni