Annis Welt (Teil 4)

Wie bastelt man Einladungskarten?

 

Das Schönste am Leben ist wohl, dass es nicht nach Schema F abläuft. Dass es manchmal anders kommt, als man es plant. Und bisweilen einfach alles auf den Kopf stellt. Aus Lust. Aus Glück. Aus Liebe. Oder einfach aus ganz unerfindlichen Gründen. Wie bei Anni. Die sucht nach ihrer femininen Seite - und zwar ausgerechnet im Einladungskarten basteln ...

 

Dass das Leben manchmal Kopf steht, lernt man schon in jungen Jahren. Ich hatte mein Schlüsselerlebnis mit süßen fünf im Sandkasten, als der Metallbagger des Nachbarjungen meinen eben fertig gebackenen und obenauf fein säuberlich mit Gänseblümchenköpfen verzierten Sandkuchen mit brachialen Kräften plattwalzte und nichts als Matschepampe hinterließ. Einen Augenblick lang muss er mich wohl triumphierend angesehen und darauf gewartet haben, wie sich meine Augen mit dicken Krokodilstränen füllen und ich - weil Mädchen - hysterisch kreischend zu meiner Mama ins Haus laufe, damit ihm das Sandkastenterritorium ganz alleine gehöre. Einen Augenblick nur. Doch diesen Augenblick zu lang. Denn in derselben Sekunde noch wich die kecke Überlegenheit in seinem hellwachen Gesicht blankem Entsetzen, weil ihm das gelbe Plastiksieb, in dem ich gerade noch den feinen, weißen Sand für die »Puderzucker«-Haube bereitgestellt hatte, zielgenau auf Nasenhöhe mit ganzem Inhalt und ordentlich Schmackes entgegenflog. Muss ich noch sagen, wer danach heulte? Allerdings hielt mein Siegesfeeling nur bis zum Eintreffen seiner mütterlichen Verstärkung, die mir unmissverständlich zu verstehen gab, dass Gewalt gegenüber Sandkuchen nicht mit Gewalt gegenüber Stupsnasen wettzumachen sei. Und so beschloss ich wohl, fortan nicht mehr Bäckermädchen, sondern lieber Baggerfahrer zu sein. Gut möglich, dass dieses frühkindliche Erlebnis dazu beigetragen hat, dass meine Begabung für alle filigranen Herausforderungen weitaus weniger ausgeprägt ist als für die eher grobmotorischen Dinge. Mein Freund Andreas weiß das. In unserer Wohnung habe ich die Regale an die Wand gebracht. Dafür klebt er hübsche Etiketten auf Ordnerrücken. Und so muss es ihm wirklich etwas komisch vorgekommen sein, als ich beim letzten Shoppingbummel plötzlich mit diesem Buch dastand: »Einladungskarten selber basteln«.

»Was willst du denn damit?«, fragte er.

»Hab’ ich gerade entdeckt. Da vorne in der Bücherkiste.«

»Und?«

»Na, für unsere Hochzeit. Wir könnten die Einladungen doch selbst gestalten.«

»Gerade du!«

»Wieso? Hanna hat das auch gemacht.«

Ich war beleidigt. Traut der mir denn gar nichts zu? Auch wenn Hanna meine beste Freundin und noch dazu ein Hochzeits-Organisations-Ass ist - was sie kann, kann ich doch auch! Also stand ich mit versteinerter Miene und meiner neuen Buch-Errungenschaft zwei Minuten später an der Kasse. Offensichtlich hat Andreas bislang nie davon gehört, dass das Leben manchmal Kopf steht! Bei Hochzeitsvorbereitungen tut es das allemal! Er müsste nur mal vorbereitend wirken ...

Schon am nächsten Tag war meine Lieblingskarte gefunden. Andreas wurde nicht gefragt. Der wollte eh nicht basteln ... Selbst die Besorgungsliste ließ mich aus unerfindlichen Gründen noch optimistisch bleiben: transparentes Papier, Künstlerpapier mit Strukturfläche in Aubergine, Satinband in Weiß, Satinband in Flieder, Zackenschere, Motivlocher, Spezialstifte. Immerhin wartete ich mit meinen ersten Klebeversuchen, bis mein Süßer zum Training verschwand. Gerettet hat’s mich nicht! Vier Stunden später stand er in der Tür und blickte siegessicher lächelnd auf ein Schnipselchaos zwischen zerknüllten Transparenzpapierhäufchen und Satinbandknoten.

»Aber die hier geht doch«, streckte ich ihm ein Exemplar entgegen.

»Hält nicht«, so sein Kommentar, bei dem er langsam den Herzchen-Aufkleber von der Künstlerpapier-Oberfläche zog.

Ich erinnerte mich an die Situation im Sandkasten und im letzten Augenblick zum Glück auch daran, dass große Motivlocher vielleicht doch massivere Gewaltauswirkungen auf Nasen haben könnten als gelbe Plastiksiebe.

Acht Tage liegt mein Bastelbuch seither unbeachtet da. Nein, so stimmt es eigentlich ja nicht. Ich spüre bei jedem Vorübergehen die vorwurfsvollen Blicke aller Kartengeister und höre aus dem Buch-Off dieses sacht verhallende »Bastle mich! Bastle mich! Bastle mich!« Aber ich bin ja stark. Ich bin das Mädchen, das den Bagger fährt. Und erst, wenn ich es will, werde ich das Leben auf den Kopf stellen und den Deko-Guru in mir finden. Oder eben eigenhändig schon fertige Einladungskarten bestellen!

 

Eure Anni