Heiraten für Männer

A wie Auslese

Warum sind Männer und Frauen so wie sie sind? Weil wir uns gegenseitig so ausgesucht haben!


Sie haben Ihre Wahl getroffen: Die eine soll es sein! Keine andere. Nur sie lieben Sie. Nur mit ihr können Sie sich vorstellen, ein Leben lang zusammen zu sein. Sie haben sich das lange und reiflich überlegt, Ihr Herz befragt, eine Entscheidung getroffen und ihr dann einen Antrag gestellt. Und sie hat »Ja« gesagt.
Sie glauben, dass es so gelaufen ist? Evolutionsbiologen behaupten: Es war ganz anders. Genau umgekehrt nämlich. Zuerst war da einmal ein gewisses Anfangsinteresse bei Ihrer Braut. Dann hat sie mit kleinen Gesten unterhalb Ihrer Wahrnehmungsschwelle (Haare hinters Ohr streichen, »zufällige« Blickkontakte, etc.) Ihr Unterbewusstsein dazu gebracht, dass Sie sich ihr mal ein bisschen näher vorstellen (sie also ansprechen oder zum Tanz auffordern). Deshalb sind sich alle glücklich verheirateten Männer stets absolut sicher, dass sie es waren, die den ersten Schritt getan haben. Anschließend hat sie durch geschicktes Aufrechterhalten des Knister-Spannungsbogens (nicht zurückrufen, sich rar machen, zwischendurch mit anderen tanzen) die Prüfungsphase so lange ausgedehnt, bis sie sich ihrer Sache sicher war. Und am Ende pflanzte sie – vermutlich mithilfe neurolinguistischer Programmierung – in Ihren Kopf die fixe Idee, ihr einen richtig romantischen Heiratsantrag zu machen. Das erklärt dann auch, warum man so selten von abgelehnten Anträgen hört.
Und mehr noch: Indem die Frauen die Wahl treffen, sind sie es auch, die darüber entscheiden, wer von uns seine schönen blauen Augen an die nächste Generation weitergeben darf – und wer eher nicht. Auslese durch Partnerwahl nennen das die Darwinisten.
Oder was glauben Sie, warum wir Männer alle geborene Gentlemen sind, den Frauen geradezu reflexartig alles Schwere aus der Hand nehmen, automatisch jede Tür für sie aufhalten? Weil die Frauen in einem über Jahrtausende gehenden Ausleseprozess nur die von uns haben »weiterkommen« lassen, die genau dieses Verhalten in den Genen trugen. Alle anderen wurden früher oder später aus dem Genpool verabschiedet.
Dass wir dennoch nicht alle blauäugig, hochgewachsen, sportlich und mit Knackpo ausgestattet sind, liegt daran, dass es für die weiblichen Auswahlkriterien keine DIN-Norm gibt wie bei uns Männern, deren Frauengeschmack angeblich auf ein schlichtes 90 - 60 - 90 standardisiert ist. Also bekommen auch ein paar kleine, knuddelige Nerds ihre Nischenchance. Wissenschaftler wollen sogar nachgewiesen haben, dass der weibliche Männergeschmack mit dem Monatszyklus wechselt. So bleibt ein gewisser Variantenreichtum erhalten.
Und Evolution kann manchmal durchaus flott vor sich gehen. Die etwas Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an die vor noch gar nicht so langer Zeit recht verbreitete Spezies »Schmerbauchmann in ungewaschenem Feinripp«: ausgestorben. Oder jene Gattung, die der festen Überzeugung war, die Männer seien die Krone der Schöpfung und alle Weiber ihnen untertan: nur noch in entlegenen und gefährdeten Randgebieten anzutreffen – zumindest hierzulande.
Aber bevor Sie jetzt Artenschutz beantragen oder sich über den Selektionsdruck, der auf Ihnen lastet, beschweren möchten: Frauen haben‘s in der Hinsicht auch nicht viel besser. Denn wer wählen will, bedarf logischerweise einer gewissen Anzahl an Bewerbern. Frauen müssen also möglichst viele Männer für sich interessieren. Je mehr es sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein qualitativ hochwertiges Exemplar darunter befindet. Dieser Umstand wiederum erklärt, warum alle Frauen so schön und interessant sind: weil alle anderen früher oder später aus dem Genpool verabschiedet wurden. Nehmen Sie zum Beispiel das hübsche, unschuldige Dummchen, vor einigen Jahrzehnten noch eine recht erfolgreiche Unterart: inzwischen von ihren gescheiten Schwestern weitestgehend aus der Population verdrängt. Es geht also durchaus gerecht zu in der Evolution.

Stephan Dohle