Tränen am Traualtar

Heiraten für Männer

C wie Cool Groom

Tränen am Traualtar? Wird auch der Abgebrühteste kaum unterdrücken können. Trotzdem: Kämpfen Sie!

 

Es wird ja von Frauen gerne die Meinung geäußert, Männer dürften auch mal Schwäche zeigen, echte Männer müssten auch weinen können. Ob das wirklich eine gute Idee ist oder nicht, lasse ich hier einmal dahingestellt. Allein die Formulierung »auch mal« verrät ja ganz klar, dass die Damen sich Männer eigentlich in der Grundausstattung »stark und tränenfrei« wünschen. Alles andere fällt unter die Rubrik »Optionale Extras« bzw. »Ausnahmen«.
Eine solche Ausnahme wäre zum Beispiel der Tag der Hochzeit. Da soll es hochemotional zugehen und man wünscht sich auch männlicherseits ein paar Gefühlsäußerungen. Wir Männer aber fürchten uns davor. Warum? Weil wir im Unterschied zur weiblichen Welt wissen, wie es innen in uns drin ausschaut und wie leicht wir von Gefühlen überwältigt werden können – und dass die Mädels das so genau gar nicht wissen wollen würden.
Deshalb möchte ich hier ein dringendes Plädoyer halten für den Bräutigam, der kühl zu bleiben versucht: »Stay cool, groom!« Denn es wird Ihnen schwer genug gemacht werden. Der Kampf gegen die Tränen wird ein harter sein und Sie werden ihn nicht ganz gewinnen können – aber wenn Sie gar nicht erst kämpfen, haben Sie schon verloren, noch bevor Sie sich am Morgen die Krawatte gebunden haben. Und das fänden dann auch die Frauen befremdlich.

Ansonsten aber werden an diesem Tag viele versuchen, Sie aus dem emotionalen Gleichgewicht zu bringen. Allen voran natürlich Ihre Braut. Was da in Ihnen los sein wird, wenn die – vielleicht an der Seite ihres Vaters – in einem Traumkleid, von dem Sie wissen, wie viele Gedanken sie auf es verwendet hat und auf den Wunsch, an diesem Tag für Sie – und alle anderen – die Schönste zu sein, mit einem Lächeln in den Augen, das selbst Sie nicht jeden Tag zu sehen bekommen, auf Sie zuschreitet ... aber ich will Ihnen nicht zuviel Angst machen.
Auch der Organist wird dazu nicht nur die Tasten seines Instruments bedienen, sondern auch auf der Klaviatur Ihrer Gefühle spielen mit seiner hochpathetischen Musik. Dafür wird er ja schließlich bezahlt.
Und wenn Ihnen dann später sogar noch Ihr eigener Vater in den Rücken fällt mit einer aus tiefstem Herzen kommenden Ansprache, bei der er unübersehbar selbst mit den Tränen zu kämpfen hat, dann sind das nicht wirklich optimale Voraussetzungen, als Bräutigam die Contenance zu wahren.
Warum sich an diesem Tag alle gegen Ihr ausgeglichenes Gemüt verschwören, ist schwer zu sagen. Nicht auszuschließen, dass es sich dabei um einen letzten Test handelt, wie gut Sie auch unter schwierigsten Bedingungen einen kühlen Kopf bewahren können, denn das ist ja auch in einer Ehe eine durchaus gewünschte Eigenschaft. Also bleiben Sie stark! Kämpfen Sie gegen den emotionalen Overkill an! Lassen Sie sich nichts anmerken! Es wird Ihnen nicht gelingen. Aber Sie können zumindest so tun, als hätten Sie nur was ins Auge bekommen.

Ein wichtiger Tipp noch zum Schluss: Reden Sie nachher nicht darüber, was in Ihnen vorgegangen ist. Gefühle, über die man spricht, missverstehen das als Aufforderung, sofort wieder mit voller Wucht über einen herzufallen. Zumal es die Mädels – und das meine ich altersunabhängig, also von der Trauzeugin bis zur Schwiegeroma – es viel »süßer« finden, wenn Sie so tun, als versuchten Sie – erfolglos – Ihre Gefühle zu verbergen. Und wenn Sie es schon nicht lassen können, dann verwenden Sie wenigstens nicht die unter Frauen geläufige Formulierung »Ich hatte den Pipi in den Augen stehen«. Denn für den Fall, dass Sie es nach Jahren der »Kannst du dich nicht setzen beim ...«-Pädagogik schon vergessen haben sollten: Männer machen kein »Pipi«. Deshalb können sie ihn auch nicht in den Augen stehen haben. Wasser genügt.

Stephan Dohle