Heiraten für Männer: E wie Einstecktuch

Heiraten für Männer

E wie Einstecktuch

»Männer wissen alles ganz, ganz genau« wusste schon Herbert Grönemeyer. Und damit das so bleibt, gibt’s diesmal wieder viel Hintergrundwissen, und zwar zu einem relativ unscheinbaren Teil: dem Einstecktuch.

Zuerst einmal das Allerwichtigste für die, die noch nie von einem Einsteck- oder Kavalierstuch gehört haben: Es handelt sich um ein meist buntes Stückchen Stoff, das in die linke Brusttasche des Anzugs gesteckt wird und möglichst die Grundfarbe der Krawatte aufnehmen sollte. Aus der Art es zusammenzulegen und oben aus der Tasche herauslugen zu lassen, kann man eine komplizierte Kunst machen – muss man aber nicht. Schlaumeier kaufen es fertig gefaltet und sicher gegen jedes Verwuseln und Zerknüllen auf Papier genäht.
Eine ganz banale Sache eigentlich. Nichts worüber man viele Worte verlieren müsste. Spannend werden solche Dinge aber manchmal, wenn man nach ihrem Ursprung fragt. Was also war vor dem Einstecktuch? Das Taschentuch, auch Nas- oder Schneuztuch genannt. Und was war vor dem Taschentuch? Kein Taschentuch! Bis ins hohe Mittelalter hinein gab es nichts Vergleichbares. Wohl aber Nasen, die ab und zu gewischt werden wollten. Das malen wir uns jetzt nicht genauer aus, sondern halten an dieser Stelle nur fest: Das Einstecktuch dient lediglich dazu, Ihrem Outfit einen zusätzlichen Farbtupfer zu verleihen. Und zu sonst nichts. Sie dürfen damit, ganz gleich, was Sie anderswo gelesen haben mögen, nicht einmal die Freudentränen der Braut trocknen. Dazu haben Sie in der Tasche nämlich was? Genau: ein Taschentuch, das dem Kavaliers­tuch zum Verwechseln ähnlich sieht.
Aber zurück zu dessen Ursprüngen. Irgendwann um 1300 hatte jemand die unerhörte Idee, ein Stück Stoff allein zum Zweck des Naseputzens mit sich herumzutragen. Unerhört deshalb, weil gewebter Stoff ziemlich teuer war. Ein Taschentuch war also Luxus pur. Etwas, was sich nicht jeder leisten konnte. Etwas, womit man sich wichtig machen konnte. Entsprechend schnell sprangen die zierlichen Damen und die Herren Chevaliers des Adels auf diese Mode auf. Und weil man nur mit etwas angeben und stilbildend sein kann, das die anderen auch sehen, ließen die Herren das bunte Tuch aus der Tasche heraushängen und die Damen hielten es beständig in der Hand. Man konnte diese Tücher auch mit Parfüm tränken und damit etwas gegen die im Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein allgegenwärtige Geruchsbelästigung tun. Eine beliebte  Ges­te war es, es sich geziert vor Mund und Nase zu halten, wenn man nicht umhin konnte, mit einem Menschen niederen Ranges zu konversieren.
Damen verwendeten das Taschentuch auch gerne dazu, es fallen zu lassen. Natürlich hob jeder Gentleman es sofort auf und – schwupps – kam man ganz unverfänglich ins Gespräch. Lief das zur Zufriedenheit des Fräuleins, vergaß sie, es zurückzunehmen und der Kavalier trug dieses Liebespfand stolz und für alle sichtbar mit sich herum. Noch heute nennt man im Englischen deshalb ein Techtelmechtel »hanky panky«. Tapfere Ritter hefteten sich das Tuch der Dame an den Schild oder an die Lanze, wo es dann möglichst blutgetränkt und zerschreddert davon zeugte, wie toll er für sie gekämpft hatte. In diesem Geiste sollten auch Sie das Einstecktuch tragen. Denn es ist sehr viel mehr als ein in den Augen manchen modefernen Mannes vielleicht völlig überflüssig erscheinendes Accessoire.

So, jetzt wissen Sie also ganz, ganz genau, was es mit dem Einstecktuch auf sich hat.

Stephan Dohle