Etikette für den Bräutigam

Heiraten für Männer

E wie Etikette

Was genau ist eigentlich    Etikette – und können Männer die auch?

Eine Hochzeit ist kein Jung­gesellenabschied. Letzterer soll Bräutigamen dazu dienen, sich noch einmal richtig »auszutoben« – was in diesem Fall nichts mit dem Ausleben eines jungensspezifischen Bewegungsdrangs zu tun hat. Im Gegenteil: Im klassischen Fall beschränkt sich die Bewegung auf das wiederholte Erheben von Gläsern in einer Tabledancebar. Irgendwann wird eine riesige Torte herbeigekarrt, aus der, was für eine phantasievolle Überraschung, ... ach, lassen wir das! Nur soviel: Das Konzept dahinter habe ich persönlich noch nie verstanden: Was soll ich mit irgendeiner halbnackten Frau in einer Torte, wenn zuhause die eine Frau im gemeinsamen Bett liegt und über den Grad ihrer Nacktheit durchaus gerne mit sich reden ließe?
Männer vor der Hochzeit, heißt es, wollen sich noch einmal so richtig danebenbenehmen dürfen, weil ihr unbändiges Freiheitsbedürfnis nach dem Jawort angeblich stark gebändigt würde. Tief drin in uns Männern stecke, zumindest wenn man der Zigaretten- und Autowerbung glaubt, noch der einsame Jäger, der am liebsten dauernd offroad durch den Schlamm brettern und anschließend am Lagerfeuer eine schmauchen will. Ich glaube da eigentlich nicht dran. Zu genau wissen wir doch inzwischen alle, dass von diesem Männertraum nichts bleibt als ein unattraktiver Husten und das unbefriedigende Gefühl, ein Auto zu fahren, das mindestens 100 teure PS mehr hat, als man je brauchen wird.
Doch ob an diesem Bild was dran ist oder nicht: Fakt ist, dass sich am Tag der Hochzeit tatsächlich nicht danebenbenommen wird. Hier herrscht eine gewisse Etikette. Dieses Wort kommt erkennbar aus dem Französischen und bedeutet dort heute nichts anderes als unser »Etikett«. Am Hofe des Sonnenkönigs in Versailles allerdings wurde mit der »étiquete« für jede am Hof zugelassene Person ihr Rang festgeschrieben und wie sie sich wem gegenüber zu verhalten hatte. Es wurde also im übertragenen Sinne jedem ein Etikett aufgeklebt, das seine Rolle bei Hofe genau beschrieb und was er zu tun und zu lassen hatte im höfischen Zeremoniell. Eine Vorstellung, bei der sich dem Marlboro-Mann natürlich die Nackenhaare aufstellen würden.
Auch bei einer Hochzeit herrscht ein gewisses Zeremoniell, wenn auch kein so strenges wie im barocken Versailles. Und auch Sie tragen ein unsichtbares Etikett auf der Stirn. Auf dem steht »Bräutigam« und dass Sie ein paar Regeln zu befolgen haben. Dass Sie einen Anzug tragen zum Beispiel, rechtzeitig vorher zum Friseur gehen, wissen, wo die Trauringe sind, sich jederzeit bewusst machen, dass Sie nur der zweite Hauptdarsteller neben der Braut sind, Mutter und Schwiegermutter mindestens einmal zum Tanz auffordern, der Braut beim Besteigen der Kutsche eine galante Hand reichen, jede Tür für sie öffnen und auch sonst alles für sie tun – und dass Sie im Festsaal kein Lagerfeuer machen dürfen.
Alles keine besonders schlimmen oder schwierigen Sachen für moderne Männer, die tief in ihrem Inneren sowieso eher Gentleman als einsamer Jäger sind. Davon bin ich überzeugt. Es gibt aber auch eine oder zwei Regeln, die zu befolgen dem Bräutigam von heute vielleicht wirklich nicht ganz leicht fallen könnten:
Er darf zum Beispiel nicht besser aussehen als die Braut. Die mag als kleines Mädchen zwar gerne Cinderella gespielt haben, als Braut will sie neben ihm aber ganz bestimmt nicht wie ein Aschenputtel dastehen.
Er darf auch nicht charmanter sein als sie. Die Lizenz, alle zu bezaubern, hat sie allein. Denn auf ihrem »Etikett« für diesen Tag steht nur: »Die Braut« – sonst nichts.
Kurz: Der Bräutigam hat sich von seiner besten Seite zu zeigen – und muss sein Licht dabei gegebenenfalls sogar ein wenig unter den Scheffel stellen. Gar nicht so einfach.


Stephan Dohle