Heiraten für Männer Frauenphantasien

Heiraten für Männer

F wie Frauenphantasien

Wenn Frauen ein Brautkleid anziehen, wollen sie sich nicht einfach nur hübsch machen, sondern zeigen, was in ihnen steckt – eine wunderschöne Prinzessin nämlich. Auch von Ihnen wird erwartet, dass Sie etwas darstellen mit einem entsprechenden Outfit. Stellt sich die Frage, was die Damen in uns sehen wollen. Womit wir beim Thema Frauenphantasien wären – und damit bei Christian Grey.
Haben Sie den Film gesehen? Ich nicht. Das Buch gelesen? Ich das erste Zehntel des ersten Bandes. Danach fühlte ich mich hinreichend darüber informiert, wovon Millionen Frauen träumen, wenn sie sich einmal eine Auszeit von der Wirklichkeit real existierender Männer gönnen. Was ihnen dann offensichtlich vorschwebt

• sieht verflucht gut aus
• kann wunderschön Klavier spielen
• trägt ein dunkles Geheimnis aus der Kindheit mit sich herum, das weibliche Heilkräfte vertragen könnte
• hat möglichst oft eine postkoitale Wuschelfrisur
• rettet gerade die Welt
• ist auf rücksichtsvolle Weise dominant
• und hat vor allen Dingen so viel Geld, dass Geld keine Rolle spielt

Ich gebe zu, dass ich die Verwirklichung dieser Frauenphantasie anstrebe. Mir fehlen auch nur noch ein Klavier und ein bisschen Lottoglück, wenn ich es richtig überblicke.
Nein, im Ernst: Eine Frauenphantasie ist, wie der Name ja sagt, eine Phantasie. Keine Frau glaubt an die Existenz eines solchen Mannes auf Erden oder würde mit so etwas verheiratet sein wollen. Es hat ja auch Gründe, warum man Tagträumereien dieser Art für sich behält und im Stillen genießt. Denn ganz gleich, ob Männer- oder Frauenphantasien: Sobald man drüber spricht oder sie anders öffentlich macht, neigen sie dazu, ins Alberne zu kippen. Da versohlt Mr. Grey der lieblichen Anastasia zum Beispiel erst den Hintern, bis er wund ist, und hat anschließend gleich die Heilsalbe zur Hand. Blümchen-Sado! Das muss man beim Lesen erst einmal sacken lassen, damit einem die unfreiwillige Komik solcher Szenen klar wird.
Aber jetzt hat E. L. James diese Phantasien nun einmal veröffentlicht und damit offensichtlich einen Nerv getroffen. Und deshalb dürfen wir fragen: Wieviel Shades of Grey wollen die Frauen an uns Männern wirklich sehen? Gehen wir doch einmal ein paar der Punkte durch:

• Das mit dem guten Aussehen dürfte kein Problem sein. Schönheit liegt im Auge der Betrachterin, und da sie Sie heiraten will, sehen Sie per Definition gut aus.
• Klavierkünste sind immer gern gesehen, aber kein Muss. Vielleicht können Sie ja irgendetwas anderes Sinnloses mit Romantik-Touch.
• Das dunkle Geheimnis ist bloß eine Metapher: Frauen finden grundsätzlich, dass Männer psychisch nicht ganz koscher sind und ihrer heilenden Hände bedürfen.
• Um Ihre Wuschelfrisur, ob nun prä- oder postkoital, wird sich Ihre Liebste sicherlich persönlich kümmern.
• Die Welt zu retten dürfte außerhalb unser aller Möglichkeiten liegen. Aber als Held des Alltags dürfen Sie schon gerne auftreten.
• In unserer kleinkrämerischen Welt spielt Geld leider eine Rolle. Für uns Otto-Normal-Männer, die wir unsere Liebste nicht mit dem Helikopter in die Oper entführen können, muss es reichen, sich hin und wieder spendabel zu zeigen. Das aber wird – als Geste, nicht aus materiellen Gründen – auch wirklich erwartet.
• Der spannendste Punkt ist die rücksichtsvolle Dominanz, da sie, genau genommen, ein Widerspruch in sich ist, was viele Männer bei einer Frauenphantasie nicht sonderlich überraschen dürfte. Übersetzen könnte man es vielleicht so: »Sag ab und zu, wo‘s lang geht, aber vergiss nie, wo lang ich will!«

Eine gewisse Souveränität also ist gefragt, kombiniert mit Gentleman-Verhalten.
Dazu passt ein dunkelblauer Anzug. Finden Sie im Bräutigam-Teil der aktuellen HOCHZEIT.

Stephan Dohle