Harmoniefalle Bräutigam-Lexikon

Heiraten für Männer

H wie Harmonie-Falle

Eine harmonische Ehe führen: Ist das wirklich erstrebenswert? Wenn man ihre Dauer verkürzen will, ja, sagen Paartherapeuten.

 

Es ist ein weit verbreiteter Brauch unter Menschen, andere Menschen in Schubladen zu stecken. Das geht schnell und bereitet eine gewisse Freude, denn es vereinfacht die Dinge und ordnet die Welt. Dazu wurden Schubladen ja schließlich irgendwann einmal erfunden. Klar ist aber auch: Man darf das nicht, denn das ist total politisch, sozial, ethisch und werweißwassonstnoch unkorrekt. Weil man den Menschen damit in 99 Prozent der Fälle Unrecht tut. Aber ich finde, wenn man mit den Betroffenen weder vorher noch nachher irgendwas zu tun hat, darf man es vielleicht doch: Ein Unrecht, von dem niemand außer mir selbst etwas bemerkt, kann die Welt ja so viel schlechter nicht machen. Deshalb gönnte ich es mir vor einiger Zeit wieder einmal, als ich den winzigen Ausschnitt eines Dialogs zwischen einem Pärchen auf der Straße mithörte:
Er: »Bist du jetzt sauer?«
Sie: »Nein, ich bin nur traurig.«
Ich öffnete meine Schublade für »Kleine Miststücke«, steckte die Trauernde hinein und schloss die Schublade wieder. Ohne Zögern, ohne Gewissensbisse, ohne Abwägen. Warum hatte ich kein Mitleid mit der Ärmsten? Weil ich ihre Konfliktmanagementstrategie für ebenso leicht durchschaubar wie perfide hielt. Hätte sie zugegeben, dass sie sauer ist, was sie mit Sicherheit war, hätte sie sich auf eine Diskussion einlassen müssen, wer von ihnen beiden warum und mit welchem Recht sauer sein darf. Ausgang offen. So aber war klar: Da sein Häschen traurig ist, muss er etwas Böses getan haben, denn von selbst wird so ein liebes Schnuckerl ja nicht traurig. Die Schuldfrage war somit also geklärt, bevor sie überhaupt auf den Tisch kam.
Außerdem erschien mir die junge Frau – jetzt befinde ich mich natürlich schon lange im Reich der Unterstellungen – auf dem Harmonietrip zu sein, also jener weit verbreiteten Fehleinschätzung zu unterliegen, dass es in einer Partnerschaft immer möglichst harmonisch und ohne Streitereien zugehen sollte.

Bitte, lieber Bräutigam, versprechen Sie mir, dass Sie sofort etwas unternehmen, wenn Sie merken, dass Sie und Ihre Baldehefrau sich gar nicht mehr streiten und über gar nichts mehr unterschiedlicher Auffassung sind. Denn dass es zwischen Ihnen beiden tatsächlich so gut wie keine Reibungspunkte gibt, ist im höchsten Maße unwahrscheinlich. Immerhin handelt es sich bei Ihnen um einen Mann und eine Frau. Wahrscheinlicher ist, dass Sie beide nur so tun, als ob. Und in diesem Fall ist Harmonie der Highway zur Ehehölle – oder die Abfahrt zur Scheidung. Eine Ehe, wo alle paar Tage neben dem Abendessen auch mal eine Meinungsverschiedenheit auf den Tisch kommt, hat dagegen eine weitaus günstigere Zukunftsprognose. Das sagt einem jeder Paartherapeut und wird auch durch Langzeituntersuchungen gestützt.

Die Hochzeitsvorbereitungszeit ist übrigens eine perfekte Trainingsmöglichkeit: Einerseits gibt es in dieser Zeit jede Menge, über das man uneins sein kann (Zimtzicke Babette auf der Gästeliste, rosa Tischkarten ...). Andererseits sind das alles keine dramatisch bedeutsamen Dinge (eine Babette überlebt man und auch die Farbe Rosa wirkt nicht toxisch, selbst wenn man ihr einen ganzen Hochzeitstag lang ausgesetzt wird). Man kann sich also herrlich um so etwas balgen, aber ob man dabei gewinnt oder verliert, ist nicht so wichtig. Hauptsache, es hat mal wieder ein bisschen geknistert. Das wirkt allemal belebend.
Außerdem, auch das lehrt die Erfahrung, endet ein Streit nicht unbedingt mit einem Gewinner und einem Verlierer oder einem faulen Kompromiss, sondern mündet oft in komplett neue, unerwartete Lösungsmöglichkeiten (Babette kümmert sich auf dem Fest um die Kids und kriegt gar keine Zeit zum Zicken).
                    Stephan Dohle