Heiraten für Männer

P wie Plastron

Diese Kolumne dient ja unter anderem dazu, Männern die eine oder andere Sache zu erklären, mit der sie vermutlich erst als Bräutigam in Kontakt kommen. Das Plastron ist so ein Ding. Ich vermute, ein Großteil von Ihnen liest dieses Wort hier zum ersten Mal. Macht nichts: Spätestens beim Kauf des Hochzeitsanzugs wird man Ihnen eins zeigen als Alternative zu Krawatte und Fliege – und dann erfahren Sie ja früh genug, was es ist. Nur, wenn Sie bei der Beraterin mit Insiderwissen punkten wollen, indem Sie mit Kennermiene »Trägt man zu diesem Outfit ein Plastron?« fragen, ist die folgende Erklärung wirklich nützlich: Ein Plastron ist eine breite und dafür kürzere Krawatte, die man zum Dreiteiler trägt. Und die gute Nachricht für alle, die schon beim Gedanken an enge Krawattenknoten und zugeknöpfte Kragen Atemnot bekommen: Es wird über geöffnetem Kragenknopf getragen. Nächste frohe Botschaft: Das Plastron wird heutzutage vorgebunden verkauft, genau wie die Fliege. Sie brauchen am Hochzeitsmorgen also kein Seemannsknotenspezialwissen, wenn Sie sich für das Plastron und gegen die Krawatte entscheiden.

Und nun an die Adresse jener, die Krawatte & Co. eigentlich für überflüssigen modischen Firlefanz halten: Richtige Männer haben immer schon irgendeine Art Stofftuch um den Hals getragen. Schon bei den römischen Legionären gehörte ein Wollschal zur Grundausrüstung. Der schützte gegen das Scheuern der Rüstung, gab im Kampf noch ein bisschen zusätzlichen Puffer und ließ sich ansonsten hervorragend zum Händeabwischen und anderem verwenden.  Auch ein echter Cowboy ist ohne Halstuch schwer vorstellbar. Und der John Wayne in uns allen weiß, warum: Es hilft gegen Schweiß, wenn man einsam unter der gnadenlosen Sonne von Texas reitet, man kann damit allfällige Schusswunden verbinden und die mit den schwarzen Hüten vermummen sich damit beim Postkutschenüberfall.

Das Plastron wird außer bei Hochzeiten hauptsächlich noch im (Jagd-)Reitsport getragen und soll dort in seiner nicht vorgebundenen Form angeblich eine ähnliche Multifunktionalität an den Tag legen wie bei den Legionären und Cowboys: als Hundeleine, als Binde für gebrochene Arme, wenn beim Reiten was schiefgelaufen ist, oder um irgendwas am Sattelzeug zu flicken. In seiner ursprünglichen Bedeutung bezeichnet Plastron übrigens einen Brustharnisch. Der scheinbare Modeschnickschnack ist in Wirklichkeit also das Überbleibsel einer sehr, sehr männlichen Angelegenheit. Das dürfen sich alle krawattenscheuen Bräutigame zum Trost vor Augen halten.

Übrigens darf kein Hochzeitsgast ein Plastron tragen, wenn der Bräutigam sich für Krawatte oder Fliege entschieden hat. Außerdem ist für Plastronträger das Ablegen der Weste absolut tabu.
Stephan Dohle